After the Flood (2021)

  1. 54 Minuten

Filmkritik: Vom Fluss zum Flüsschen

52. Visions du Réel 2021
Die Skyline von Lanzhou.
Die Skyline von Lanzhou. © Visions du Réel 2021

Durch die chinesische Metropole Lanzhou fliesst der Lei Tan, der auch «Gelber Fluss» genannt wird. Unter Diktator Mao Zedong wurden massive Eingriffe in den Lauf des Gewässers vollzogen, sodass sich das Verhalten des Flusses veränderte. Während es offenbar vordem regelmässig zu Überflutungen kam, weil sich das Volumen des Flusses durch heftige Niederschläge vergrösserte, leidet die Region heute eher an einem Mangel an Wasser.

Am Ufer des Flusses.
Am Ufer des Flusses. © Visions du Réel 2021

An gewissen Stellen ist der Fluss bereits ausgetrocknet. An anderen stehen die Ruinen von Fabriken und anderen Einrichtungen, die entlang des Flusses gebaut worden waren, um die Wirtschaft des Landes nach den Vorstellungen des Kommunismus zu organisieren. Heute leben die Menschen in den urbanen Räumen ohne vom Fluss beeinflusst zu sein - so scheint es zumindest. Das Flussbeet dient den Kindern als Spielplatz, ist Habitat für verschiedene Tiere und lässt erahnen, welche majestätische Grösse der Lei Tan einmal hatte.

In Schwarz-Weiss hat der chinesische Regisseur Yuan Zheng mit seinem impressionistischen Dokumentarfilm den Versuch gewagt, das Porträt eines Flusses zu schaffen. Trotz einiger interessanter Ansätze, kann das Werk insgesamt nicht überzeugen, weil es ihm an formaler wie inhaltlicher Einheitlichkeit sowie leider an Relevanz fehlt. Der etwas amateurhafte Charakter des Werks sorgt nicht unbedingt für Charme, sondern wirkt eher ungeschickt.

After the Flood vermischt Aufnahmen des Regisseurs und seines Kameramannes wie die beiden scheinbar spontan vor Ort über die Geschichte der Stadt und des Lei-Tan-Flusses referieren. Dabei verzichtet der Film auf Erklärungen und das Abstecken von Referenzen. Die zitierten Quellen werden nicht genannt, nur einige Seiten aus einem alten Bildband, das den Gelben Fluss noch vor dem Jahr 1950 zeigt, finden Einzug in den Film. Auffällig und etwas befremdlich ist, dass die heutigen Abbildungen des Flusses sich auf immer die gleiche Einstellung zu beschränken scheinen.

Einen kleinen Exkurs macht der Film, als er einen älteren Mann einfängt, der seiner eigenen Aussage nach seit 18 Jahren Strassenhunde von Lanzhou füttert. Eine rührende Geschichte zwar, doch etwas aus dem Zusammenhang gezogen. An anderer Stelle gibt es Einblicke ins Nachtleben oder man beobachtet den Autor, wie er im Auto (schlecht) singt. Auch hier bleibt der Bezug zum Hauptthema lose.

Offenbar ging es dem Regisseur darum, zu erforschen, ob sich die Einwohner von Lanzhou noch an die frühere Gestaltung und Bedeutung ihres Flusses erinnern. Zum anderen wollte er wohl erforschen, wie die Veränderungen des Flusses das gesellschaftliche Leben verändert haben. In seinem Film schafft er es allenfalls zu Andeutungen in diese Richtung.

Der Autor geht sehr anspielungsreich vor und möchte vermutlich vornehmlich den Zuschauer auf der Gefühlsebene erreichen. Doch dafür traut er der Kraft seiner Bilder zu wenig. Er nimmt sich zu wenig Zeit für einzelnen Einstellungen, schneidet zu schnell und die wacklige Kamera trägt ebenfalls nicht zu einer künstlerisch aussergewöhnlichen Bildfindung bei. Es ist schade, dass aus einem grundsätzlich äusserst interessanten Thema nicht mehr herausgeholt werden konnte.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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