The World to Come (2020)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Es gibt Schneestürme und viel zu tun

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Von der Wolllust übermannt: Katherine Waterstone geniesst einen kurzen Moment des Glücks.
Von der Wolllust übermannt: Katherine Waterstone geniesst einen kurzen Moment des Glücks. © Studio / Produzent

1856 im Osten der USA. Das Bauernpaar Abigail (Katherine Waterstone) und Dyer (Casey Affleck) hat vor kurzem seine einzige Tochter verloren und versucht in den langen, kalten Winternächten sein strenges Siedler-Dasein irgendwie weiter zu gestalten. Dyer stürzt sich in die Arbeit. Abigail verarbeitet ihren Schmerz in einem Tagebuch und wünscht sich einen Atlas, um sich weiterzubilden.

Heimliche Treffen im Wald.
Heimliche Treffen im Wald. © Studio / Produzent

Als sich in der Nachbarschaft Finney (Christopher Abbott) und seine Frau Tallie (Vanessa Kirby) niederlassen, entsteht eine Freundschaft zwischen den Bauersleuten. Man trifft sich zum Essen, und vor allem Tallie ist tagsüber öfters bei Abigail zu Besuch. Als sie Abgail einen Atlas der USA schenkt, wächst ihre Art Verhältnis über die übliche Nachbarschaftshilfe hinaus.

Sich trennen, als noch nicht einmal die USA Scheidungsanwälte kannten: Im literarischen Western von Mona Fastvold trifft Portrait de la jeune fille en feu auf «Farmer sucht Frau». Zu einer Zeit, als vieles Anrüchiges noch alt-testamentarisch verboten war, verhindert Patriarchenpack weibliche Zuneigung, die über das profane Füssemassieren hinaus geht. Die flamboyante Vanessa Kirby zieht als Femme fatale alle Blicke auf sich in einem prächtig gefilmten Film mit speziellem Soundtrack.

Der Alltag der Frontiers war hart, auch wenn es dieser Film fast ein bisschen verkitscht. Die Landschaft (gefilmt in Rumänien) ist idyllisch wie bei Terrence Malick. Den Bauern sieht man die Strapazen kaum an. Es herrscht fast schon gediegene Stimmung bei den gemeinsamen Treffen mit netter Konversation dieser Upper-Class-Farmer des 19. Jahrhunderts. Dass zwischendurch die Hühner draussen erfrieren oder es auch mal nur genau einen Härdöpfel zum Znacht gibt, macht der Film in erster Linie über Tagebucheinträge klar.

Diese steuern aus dem Off den trägen Erzählfluss, der in diese Zeit passt und lassen uns teilhaben am Geschehen aus der Perspektive der wortgewandten Abigail. Wie allen Frauen galt damals für sie das Mantra «Waschen, Kochen, Melken und Gebären». Dass Abigail schreiben kann, ist ebenso ihr Glück, wie dass ihr Mann sie aufrichtig liebt. Tallie, ihr Pendant in der Ehe auf der anderen Seite des Zauns, hat da weniger Glück. Sie ist offensichtlich zu weltgewandt für ihren Gatten, der das Alte Testament zitiert, um Frauen ans Heim zu binden.

Deshalb knospt zwangsläufig eine homosexuelle Anziehung, die der Film zärtlich andeutet und erst ganz spät und urplötzlich in Sexszenen verbildlicht. Katherine Waterstone ist wie das Kinopublikum ziemlich hin und weg durch die fast märchenhafte Aura, der hier als Rothaarige auftretenden Vanessa Kirby - einer smarten Femme fatale, die ihr Leben in die Hand nimmt, sich ihrem Schicksal aber doch zu wenig wiedersetzt.

Auffällig begleitet die Musik von Daniel Blumberg den Film: Mal umkost die liebliche Klarinette die Landschaft, dann zerfetzen bei einem Wintersturm besonders fiese Klänge das Trommelfell. Blumberg ist ein Newcomer im Markt, den man beobachten sollte. Auch ausgeklügelte Apfelschäler sind im Film zu sehen. Um sachdienliche Hinweise, womit die Frontiers Äpfel schälten, an die Redaktion OutNow wird gebeten, damit wir unsere Sparschäler bald entsorgen können.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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