Wood (2020)

Wood (2020)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Böses ist im Busch

16. Zurich Film Festival 2020
Da staunen sie Bauklötze.
Da staunen sie Bauklötze. © WILDart FILM

Einzigartige Artenvielfalt, abschwächende Wirkung auf den Klimawandel und stabile Ökosysteme, das haben die Urwälder rund um den Globus gemeinsam. Und dann ist da noch etwas, das sie vereint: Motorsägen, Morde und Mafiastrukturen. Illegale Rodungen im grossen Stil sind an der Tagesordnung, und während die Kahlschläger sich die Tresore füllen, kämpfen Journalisten, Umweltschützer und Indigene für Gerechtigkeit, bezahlen ihr Engagement bisweilen mit dem Leben.

Alexander von Bismarck, Geschäftsführer der Environmental Investigation Agency (EIA), setzt sich mit den grossen Holz-Betrügern an einen Tisch, um mit ihnen zu verhandeln. Aber nicht, weil er mit ihnen Geschäfte machen will, sondern um an Infos und Statements zu kommen, die er als Beweismittel gegen ihr widerwärtiges Treiben in den Urwäldern Perus und Rumäniens verwenden kann. Allerdings stellt sich ihm schon bald die Frage, an wen er sich mit seinen Ergebnissen wenden will, denn die Macht der Holzindustrie-Bosse reicht weit.

Mehrere Male hält man den Atem an, wenn sich die Progatonisten die Höhle der Löwen begeben. Kommentarlos heftet sich diese Dokumentation an die Fersen des Umweltaktivisten Alexander von Bismarck, der mit einem gesunden Mix aus beneidenswertem Idealismus und pragmatischer Herangehensweise den Grosskriminellen die Stirn bietet. Zwischen Ekel, Genugtuung und Ratlosigkeit schwankt man während diesen intensiven rund 100 Minuten - und fühlt sich dennoch teilweise alleine gelassen.

Im Sinne weiterer Undercover-Ermittlungen wäre es ganz gut, wenn die Agenten ihre Tricks nicht öffentlich preisgeben würden. Könnte man meinen. Doch genau das geschieht in diesem Film. Bei Verkabelungen, Nachteinsätzen und Investigation-Briefings kommt so richtig Agenten-Feeling auf. So unbekümmert sie ihre Tricks verraten, so behutsam gehen sie jedoch während ihren Einsätzen vor. Bismarcks Truppe weiss, was auf dem Spiel steht: Das illegal geschlagene Holz ist nicht nur wertvoll für die letzten Urwälder dieser Erde - und somit für die gesamte Menschheit - sondern auch für die Bosse der verantwortlichen Konzerne.

Gerade in Rumänien, dem Hotspot für illegales Holzschlagen in Europa, ist allen klar, dass nichts gegen die Verbrechen unternommen wird, geschweige denn einer dafür büssen müsste. So agieren die Verantwortlichen nicht nur trotz allem verblüffend unbehelligt, sondern bisweilen auch unvorsichtig. Dann schnappt die Falle Bismarcks zu und nach einer für Furore sorgenden Medienkonferenz sieht man mit grosser Genugtuung zu, wie die gut betuchten, selbstgefälligen Manager der illegal rodenden Holzfirmen heuchelnd zu Kreuze kriechen. Man kann nicht anders, als laut loszulachen - doch dann ist Bismarck bereits wieder in Peru, wo die Machtverhältnisse noch steiler ausfallen als in Rumänien. Dann schluckt man wieder leer und erkennt, wie wichtig ein funktionierender Staat ist.

Für andere Fälle gibt es glücklicherweise Aktivisten, Journalisten und Filmemacher, die kein Pardon kennen. Auch dieser Film ist ehrlich, nennt Namen, zeigt auf, dass es am nachhaltigsten ist, das politische System so zu modifizeren, dass es die Industrie heilt. Wie genau jedoch, diesbezüglich gibt einem Wood kaum neues Futter mit. Die Dokumentation lässt einen auch während der Pausen von der Ermittlungshektik alleine.

An diesen Stellen hätte ein einordnender Kommentar gut getan, der sowohl bei der Erörterung von Lösungsansätzen als auch bei den häufigen Schauplatzwechseln geholfen hätte. So wird man schliesslich etwas ratlos zurückgelassen. Doch Hoffnung schöpft man spätestens wieder dann, wenn man die Nachrichten einschaltet und sieht, wie viele bereit sind, für Klima und Natur zu kämpfen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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