Wer sind wir? (2020)

Wer sind wir? (2020)

  1. 97 Minuten

Filmkritik: Leben ausserhalb der Norm

Eine helfende Hand
Eine helfende Hand

Helena ist neunzehn Jahre alt und ist mit einer schweren geistigen Behinderung aufgewachsen. Epileptische Anfälle plagten ihre Kindheit, und auch heute hat sie Mühe, Zusammenhänge zu sehen und verständlich zu kommunizieren. Ihre Diagnose: Tuberöse Sklerose. Ein eigenständiges Leben ist unmöglich, doch ihre alleinerziehende Mutter Veronika denkt gar nicht daran aufzugeben. Gemeinsam mit Therapeutin Barbara Senckel und vielen anderen Betreuungspersonen hilft sie ihrer Tochter dabei, diese in ihrer Identität zu stärken und sie auf jedem Schritt zu unterstützen.

Die haben was auf dem Kasten
Die haben was auf dem Kasten

Jonas ist wegen seiner Behinderung an den Rollstuhl gebunden und kann sich nur mit Blicken ausdrücken. Seine Eltern beschäftigen ein Dutzend Helfer, die sich um den Elfjährigen kümmern. Trotz seiner unzähligen Einschränkungen kann er sich vor allem in der Sonderschule verwirklichen. Er wird von seinen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden als volles Mitglied der Gemeinschaft angesehen, woraus er viel Kraft schöpfen kann.

Es ist unmöglich, nicht bewegt zu sein von Wer sind wir?. Die Mischung aus Interviews, privatem Filmmaterial und beobachtenden Aufnahmen sorgen dafür, dass der Film abwechslungsreich und visuell interessant bleibt, und es kann Regisseur Edgar Hagen hoch angerechnet werden, dass er sich auf zwei Protagonisten beschränkt hat, wodurch das Publikum eine engere Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Wer sind wir? ist bedrückend und hoffnungsvoll, nachdenklich und amüsant. So lässt er uns die ganze Bandbreite an Emotionen spüren. Einziges Manko ist Hagens hochgestochen wirkender Erzähltext, der sich zum Glück aber auf ein Minimum beschränkt.

Mit einer wunderschönen Drohnenaufnahme und einem nachdenklichen Monolog in der sonoren Stimme des Regisseurs beginnt Wer sind wir? ein bisschen wie ein Terrence-Mallick-Film, was etwas fehl am Platz wirkt. Schnell aber findet sich die Dokumentation im Leben der Protagonisten und fasst somit schnell Fuss. Der Film nimmt sich viel Zeit für die zwei in sich gewobenen Porträts und verweilt manchmal auch einen Tick zu lange auf einer Einstellung, auf einem Moment. Gerade die Geschichte von Elena wirkt manchmal etwas aufgepolstert durch die Heimvideos der Familie, was sich aber nur gering auf das Gesamtbild auswirkt.

Es ist aber Jonas' Geschichte, die hängenbleibt. Dies liegt an zwei spezifischen Elementen dieses Teiles. Das grosse Herz findet der Film im Klassenzimmer, wo er den Umgang der Schulkameradinnen und Schulkameraden mit dem immobilen Jonas zeigt, der kaum eine Möglichkeit zur Kommunikation besitzt und von den anderen Kindern trotzdem integriert wird. Im Sportunterricht wird er herumgeschoben, und am Computer kann er verschiedene Aufgaben lösen.

Es ist rührend, wie unvoreingenommen seine Mitmenschen in diesem Umfeld wirken. Hier kann und soll man sich definitiv ein Vorbild nehmen. Die Rolle der Eltern ist beinahe unvorstellbar. Wie viel Zeit, Liebe und Geduld sie in ihre Kinder mit Behinderung einfliessen, beeindruckt und wird im Film ganz deutlich gemacht. Dies gilt auch für die Mutter von Elena, die als Alleinerziehende vieles für ihre Tochter aufopfern muss. Es ist unvorstellbar, mit wie vielen Einschränkungen Elena und Jonas sich durchs Leben kämpfen müssen und noch viel beeindruckender, wie viel Energie ihre Eltern in sie investieren.

Trotz des traurigen Themas wird nie bemitleidend auf die Kinder selbst heruntergeschaut. Nebst allen Schattenseiten sehen wir sie auch lachen und hören sie, im Falle von Elena, singen. Diese Lichtblicke und Hoffnungsschimmer üben einen ganz besonderen Zauber aus und verdeutlichen höchst eindrücklich, dass auch ein Leben unter den schwierigsten Voraussetzungen lebenswert sein kann. Das melancholische Ende kehrt dann wieder zurück in die träumerische Idylle des Anfangs und hinterlässt viel Raum zum Nachdenken.

/ ma

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Dryaden

Edgar Hagen ist wieder ein hoch politischer Film gelungen. Er zeigt Ausgrenzung, ohne Beschönigung und Dramatisierung. Ein einfühlsamer Film indem er zeigt, wie gesellschaftliche Öffnung unter extremen Umständen gelingen kann und was sie uns allen an Mehrwert bringt. In diesem Sinn ist dieser Film ermutigend und mitreisend, viel weiter zu gehen, als bisher. Edgar Hagen interessiert sich in seinen Filmen immer wieder für den Schritt eines Menschen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft und durchbricht dadurch gesellschaftliche Stigmas. Und stellt somit die alles entscheidende Frage: Wer sind wir?

ma

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