Wendy (2020)

Wendy (2020)

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  2. 111 Minuten

Filmkritik: Rennen, nicht denken

2. OutNow Film Festival 2021
«Niemals erwachsen werden!»
«Niemals erwachsen werden!» © Searchlight Pictures

Wendy Darling (Devin France) wächst in einem Restaurant an einem Bahngleis auf, in dem ihre Mutter arbeitet. Als Kleinkind beobachtet sie, wie der Nachbarsjunge Thomas (Krzysztof Meyn) aus Wut darüber, dass die Erwachsenen sein Leben verplanen, zu einem spielenden Kind auf einen fahrenden Güterzug aufspringt und so für immer verschwindet. Einige Jahre später erzählt die Mutter Wendy und ihren Zwillingsbrüdern Douglas und James (Gage und Gavin Naquin), dass Erwachsene ihre Kindheitswünsche irgendwann aufgeben müssen. Als Wendy in der Nacht erneut ein Kind auf einem Zug sieht, springen sie und ihre Brüder auf und fahren ins Ungewisse.

Nicht-die-Pferde-Wendy
Nicht-die-Pferde-Wendy © Searchlight Pictures

Auf einer entlegenen Insel, auf der nur Kinder wohnen, treffen sie auch Thomas wieder, der keinen Tag gealtert ist. Der Anführer Peter (Yoshua Mack) verrät ihnen das Geheimnis der Insel: In einer Höhle unter der Insel lebt ein leuchtender Riesenfisch, den die Kinder «Mutter» nennen. Durch die Liebe der Mutter müssen die Kinder nie erwachsen werden - solange man völlig sorglos lebt. Die Kinder verbringen eine wunderbare Zeit auf der Insel - bis ein Unglück geschieht, durch das die Darlings Angst und Schmerz erleben. Um ihre Brüder zu retten, muss Wendy um den Zauber der Insel kämpfen und sich den Gefahren des Erwachsenwerdens stellen.

Nach seinem preisgekrönten Regiedebüt Beasts of the Southern Wild hat sich Benh Zeitlin fast acht Jahre für seinen Nachfolgefilm Zeit genommen, für den er sich ausgerechnet an einen Klassiker der fantastischen Kinderliteratur herangewagt hat. Seine Neuinterpretation von «Peter Pan» ist jedoch weder Kinder- noch Abenteuerfilm, sondern liest die bekannte Geschichte als eine Art Arthouse-Metapher völlig gegen den Strich. Es wundert kaum, dass Wendy nicht einfach zugänglich ist; für alle, die sich auf den Film einlassen, hält er jedoch entrückte Landschaften, einnehmende Kinderdarsteller sowie faszinierende Überlegungen über das Erwachsenwerden und das Leben an sich bereit.

Bereits mit dem Titel, aber auch mit der Besetzung eines kleinen karibischen Jungen in der Rolle von Peter Pan macht Wendy deutlich, dass es sich hier keineswegs um eine klassische Verfilmung von J. M. Barries Peter-Pan-Stoff handelt. Regisseur Benh Zeitlin, der mit seiner Schwester Eliza auch das Drehbuch verfasst hat, knüpft damit zwar in gewisser Weise an bisherige Adaptionen des Stoffes (z. B. Peter Pan oder Return to Never Land) an, in denen nicht Peter die Hauptfigur ist, sondern das Mädchen, das mit ihm ins Neverland reist. Gleichzeitig dekonstruiert Zeitlin aber auch die bekannte Geschichte, indem er sie aus jeglicher Genre-Tradition löst. So wird die Abenteuergeschichte zu einer Art entrücktem Arthouse-Kinderdrama, in dem die Ereignisse mehr als Metapher denn als eigentlich fantastische Erlebnisse zu verstehen sind, wird doch hier weder geflogen noch gibt es herzig leuchtende Feen mit Flügeln.

Stattdessen lässt Zeitlin die Kinderprotagonisten - wie schon im Vorgängerfilm sind mehrheitlich Laien-Darsteller zu sehen - im (hier nie so genannten) Neverland herumtollen, welches auch ohne typische fantastische Elemente durch den Mix aus Dschungel-Wildnis, Stränden und öder Vulkanlandschaft exotisch-abenteuerlich wirkt. Gedreht wurde dafür übrigens nicht in einem Studiosetting, sondern auf der kaum bewohnten Karibikinsel Monserrat südlich von Antigua.

Trotz eindrücklicher Landschaftsbilder und schön gefilmter Aufnahmen sorgloser Kinder ist der Film alles andere als einfach zugänglich. Dies liegt einerseits daran, dass es recht lange dauert, bis überhaupt so etwas wie eine eigentliche Handlung zu erkennen ist, die über das blosse kindliche Austoben hinausgeht. Andererseits ist Wendy fast schon überladen mit Elementen, die als Metaphern zu lesen sind und die nicht selten auch ein gewisses Vorwissen über die Vorlage verlangen. Die teils schrägen Wendungen - allen voran der grosse leuchtende Fisch, der sowohl Wendys Rolle als Mutter als auch in umgekehrter Weise die Funktion des Krokodils übernimmt - lassen sich erst nach einer Weile sinnvoll auflösen. Stark ist vor allem die Darstellung der drei Darling-Geschwister sowie die Storyline um Captain Hook, der hier eine faszinierende und völlig neue Origin Story bekommt.

Um Wendy geniessen zu können, braucht es etwas Sitzfleisch. Dieses lohnt sich aber, denn mit der metapherreichen Geschichte um ewige Kinder, die Gefahr des Alterns und einen leuchtenden Mutterfisch vermittelt der Film nicht zuletzt auch interessante Überlegungen über die Freuden des Erwachsenwerdens, das Schöne in der Welt und das, was das Leben überhaupt lebenswert macht.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Trailer Englisch, 02:01