The Way I See It (2020)

The Way I See It (2020)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Dieser Barack Obama war glaubs noch gut

45th Toronto International Film Festival
«Chef, Sie sind dä Bescht.»
«Chef, Sie sind dä Bescht.» © Courtesy of TIFF

Der 1954 geborene Pete Souza wusste schon früh, dass er Fotograf werden möchte. Er begann bereits in den Siebzigern als freier Fotojournalist zu arbeiten und schaffte es mit seinen Bildern in den Achtzigern in die bekannte Zeitung Chicago Sun-Times. 1983 kam dann der Anruf vom Weissen Haus: Souza wurde als Cheffotograf von Ronald Reagan angestellt und fotografierte den US-Präsidenten und seine Gattin bei vielen öffentlichen wie auch privaten Anlässen. Das Ende der Amtszeit von Reagan bedeutete auch für Souza das Kofferpacken im Weissen Haus - doch er sollte an diesen Ort zurückkehren.

Denn als Barack Obama im November 2008 zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, holte dieser Souza wieder ins Weisse Haus. Noch viel mehr als unter Reagan bekam Souza Zugang zu dem mächtigsten Mann der USA und schoss viele, heute äusserst bekannte Bilder von Obama, seiner Familie und von den unterschiedlichsten Auftritten des Präsidenten. Während seiner ganzen Zeit hielt sich Souza dabei mit seinen politischen Ansichten immer zurück. Dies änderte sich jedoch mit der Wahl von Donald Trump. Mit seinen auf Social Media geposteten Bildern aus der Obama-Ära veranschaulicht Souza, was einen wahren Präsidenten ausmacht.

Für Fans von Barack Obama ist The Way I See It eine wahre Freude. Der Film zeigt den 44. Präsidenten der USA im bestmöglichen Licht, indem er die Arbeit des ehemaligen Cheffotografen Pete Souza offenlegt. Das ist gut gemachtes Dokumentarfilmkino, welches auch Emotionen auslöst, nur erfährt man viel zu wenig über den Fotografen selbst, sodass der Film letzten Endes lediglich zu einem Highlight-Reel von Obama wird.

Bilder wie jene von Barack Obama und seinem Team, wie sie die Tötung von Osama Bin Laden verfolgen, oder wie der 44. Präsident der USA mit einem Jungen im Spider-Man-Kostüm herumblödelt, sind um die Welt gegangen. Der Mann, welcher bei diesen Momenten bei seiner Fotokamera den Auslöser gedrückt hat, war Pete Souza. Ein stiller Mann hinter den Kulissen, der im Film von Dawn Porter äusserst sympathisch rüberkommt.

In den letzten Jahren setze sich Pete Souza jedoch selbst ins Rampenlicht. Auf seinem Instagram-Account veröffentlicht er seit der Wahl von Donald Trump Bilder aus der Obama-Ära, die aufzeigen sollen, was einen guten US-Präsidenten ausmacht. Als zum Beispiel Trump auf Twitter über John McCain herzog, postete Souza als Reaktion ein Bild von McCain, in dem dieser von Obama Applaus spendiert bekommt. Mehr Anschauungsmaterial gibt es auf Souzas Instagram-Account und in seinem Buch «Shade: A Tale of Two Presidents». Obwohl Porters Film über die Arbeit von Souza einige spannende Bilder zu bieten hat, verkommt das Ganze spätestens ab der Mitte zu «Obama Porn».

Ja, es ist schon seit längerem klar, dass Trump nicht gerade dem Bild eines typischen US-Präsidenten entspricht. Dieser Punkt wird hier immer wieder unterstrichen. Obama war jedoch auch nicht wirklich ein Heiliger, was der Film jedoch gerne ausblendet. The Way I See it ist vor allem für Feinde von Trump und Anhänger Obamas ein schönes Stück Nostalgie - ein Blick zurück in eine Zeit, als die (US-)Welt noch in Ordnung schien. Mit emotionalen Momenten und der dazu passenden Musik schafft es Porter, einen durchaus unterhaltsamen Dokfilm zu schaffen, der auch mal ein paar Tränen entlockt. Rein handwerklich kann man dem Ganzen nicht viel vorwerfen.

Es ist einfach schade, dass The Way I See It so fast zu einer Verfilmung eines Obama-Bildbandes wird. Das geht so weit, dass der eigentlich porträtierte Souza zwischendurch ganz von der Bildfläche verschwindet. Souzas gefähliche Reise ins Kriegsgebiet Afghanistan wird nur gestreift, sein ganzer Werdegang in 15 Minuten abgehandelt. Schlecht ist der Film nicht, doch hätte man sich dann letzten Endes doch mehr vom Menschen Souza und weniger von dem bereits schon sehr gut dokumentierten Leben von Obama erfahren wollen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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