W. - Was von der Lüge bleibt (2020)

W. - Was von der Lüge bleibt (2020)

  1. 111 Minuten

Filmkritik: Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit

Bruno Dössekker aka Binjamin Wilkomirski fühlt sich mit dem jüdischen Glauben eng verbunden.
Bruno Dössekker aka Binjamin Wilkomirski fühlt sich mit dem jüdischen Glauben eng verbunden. © Filmcoopi

Die Autobiografie «Bruchstücke» des KZ-Überlebenden Binjamin Wilkomirski wurde kurz nach ihrem Erscheinen 1995 ein internationaler Erfolg. Sie beschrieb seine Kinderjahre, die er in einem Konzentrationslager verbracht hatte, bevor er in die Schweiz kam und Berufsmusiker wurde. Vier Jahre später stellte ein Schweizer Journalist gewisse Ungereimtheiten in Wilkomirskis Werk fest und fand heraus: Die Biografie war eine reine Erfindung von Bruno Dössekker, der seine ganze Kindheit in der Schweiz verbracht hatte.

Atmosphärische Illustrationen von Thomas Ott unterstreichen die Schwere des Themas.
Atmosphärische Illustrationen von Thomas Ott unterstreichen die Schwere des Themas. © Filmcoopi

Der Schaffhauser Regisseur Rolando Colla zeigt in seinem Dokumentarfilm nicht nur die Geschichte eines Betrugs, sondern auch ein Porträt eines Mannes, der Zugehörigkeit suchte - und die Einsamkeit fand.

Regisseur Rolando Collas Werk lässt viele verschiedene Wegbegleiter Wilkomirskis zu Wort kommen und behandelt seinen Protagonisten trotz seines Vergehens mit Respekt und Würde. Entstanden ist ein stimmungsvoller, schwerer und stellenweise etwas zu lang geratener Dokumentarfilm um ein Opfer, das sich plötzlich in der Täterrolle sehen musste.

Rolando Collas Film lässt sich Zeit. Bis fast zur Hälfte stellt er die Hintergründe des Betrugsfalles ins Zentrum, lässt den Journalisten Daniel Ganzfried erklären, wie er Wilkomirski - der mit bürgerlichem Namen Bruno Dössekker heisst - auf die Schliche kam und gibt auch den Ansichten von Historikern, Verlegern und Wegbegleitern Wilkomirskis viel Raum. Den Zuschauern wird der Aufstieg und Fall Dössekkers vom bedeutenden Zeitzeugen zur Persona non grata in unaufgeregten Aufnahmen, stimmungsvollen Schwarz-Weiss-Illustrationen von Thomas Ott und Archivbildern geschildert.

Erst später richtetet Colla schliesslich den Fokus auf den Mann selbst, der heute ein zurückgezogenes Leben in einer Thurgauer Gemeinde führt. In diesen Momenten entfaltet der Film seine ganze Kraft, weil man keinem ausgefuchsten, berechnenden Betrüger begegnet, sondern einem gebrochenen Mann, der nach Antworten für seine eigene Vergangenheit sucht - und noch immer nicht gefunden hat.

Es ist lobenswert, dass der Film seinen Protagonisten nicht an den Pranger stellt, sondern versucht, die Beweggründe für sein moralisch fragwürdiges Tun zu verstehen. Dafür werden auch die «echte» Jugend Dössekkers ergründet und direkte Parallelen zu seinem Werk gesucht. Als Zuschauer erhält man ein fragmentarisches Bild eines Aussenseiters, der in seiner Kindheit zweifellos Schlimmes erlebt hat - nur eben nicht so, wie er es in seinem Buch dargestellt hat. «Misshandlung bleibt Misshandlung», sagt Dössekker im Film. «Da ist es egal, ob diese in einem KZ, einem Kinderheim oder auf einem Bauernhof erlebt wird.»

W. - Was von der Lüge bleibt ist ein Film, der mit einfachen Bildern verschiedene Stationen in Dössekkers Leben beleuchtet und dabei manchmal etwas zu ausschweifend wird - mit 111 Minuten ist die Dokumentation stellenweise etwas träge geraten.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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