Le ventre de la montagne (2020)

Filmkritik: Eigenartiges Gemurmel

52. Visions du Réel 2021
Ein Schwarzes Loch ...
Ein Schwarzes Loch ... © Visions du Réel 2021

Am 24. März 2015 donnerte ein Airbus 320 der Germanwings gegen einen Berg in den französischen Alpen. Der Co-Pilot steuerte die Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf mutwillig ins Gelände, was nicht nur sein Leben, sondern auch das von weiteren 149 Menschen forderte. Filmemacher Stephen Loye wohnt zwar in der Nähe des Absturzortes, hörte den Crash jedoch nicht. Das Flugzeug verschwand, «ganz ohne ein Geräusch zu machen».

... auf einem aus den Fugen geratenen Planeten.
... auf einem aus den Fugen geratenen Planeten. © Visions du Réel 2021

Nun versucht er das Ereignis visuell und - unterstützt von seinem Freund, dem Akustik-Anthropologen Patrick Romieu - auditiv aufzuarbeiten. Er wühlt sich durch Archivmaterial, fängt Landschaftsbilder ein, führt Gespräche, spürt historische Berührungspunkte zwischen der Fliegerei und der Region auf und hascht nach passenden Symbolen, um das Unfassbare greifbar zu machen. Doch je mehr er die Begebenheiten zu fassen sucht, umso mehr scheinen sie ihm zu entgleiten.

Diese persönliche Aufarbeitung des Unglücks um den Pilotensuizid im französischen Prads-Haute-Bléone rückt mit ihrer selbstverliebten Inszenierung und den irritierenden Bild-Ton-Kompositionen das fatale Ereignis und die in diesem Zusammenhang ermittelten Aspekte in ein mitunter problematisch schiefes Licht. Das Ergebnis von 77 Minuten audiovisueller Spurensuche ist ein formal herausfordender Flickenteppich, dessen Elemente nahezu ausnahmslos plakativ, planlos oder platt eingesetzt wurden.

In dieser dokumentierten Suche bleibt vieles im allzu Vagen. Häufig ist, da Loye es nahezu durchgehend peinlich vermeidet, mit Ausnahme der Staats- und Firmenvertreter irgendein Gesicht zu zeigen, unklar, welcher Zeitzeuge nun spricht. Dass man den Worten der Gesichtslosen trotzdem folgen kann, dafür sorgen lange, ruhige Aufnahmen, die dazu gezeigt werden. Wie ein hypnotisierender Bildschirmschoner wirkt dann beispielsweise die Wolke, die in der Ferne über die Gipfel zieht - immerhin ein erfrischendes Element, das Loye zwar häufig verwendet, aber zweckdienlich einsetzt.

Doch hauptsächlich beschäftigt sich Loye mit sich selbst und der Darbietung von grösstenteils un- oder überinispirierten, nur vordergründig irritierenden Bild-Ton-Kompositionen. Das Spiel mit der akustischen Ebene, auf der manchmal plötzlich hereinfallender Lärm die geräuschvolle Klangkulisse stört, ist ziemlich bald in seiner narrativen Kraft erschöpft und holprige Übergänge sowie der weitgehende Verzicht auf präzise sachliche Kontextualisierung wirken zusätzlich störend. Loye lässt nicht das Poetische aus der Erinnerung herauswachsen, sondern versucht es darauf aufzupfropfen. Dies wiederum provoziert eine lapidare Leere, die im Spiegel des tragischen Ereignisses vom 24. März 2015 unangebracht scheint.

Dabei hat Loye durchaus interessante Dinge zu berichten. Dass ein afrikanisches Absturzopfer die Fluggesellschaft weniger kostet als ein amerikanisches, ist nur einer von vielen mit Germanwings-Flug 9525 zusammenhängenden Aspekten, die er in diesem Sammelsurium zusammengetragen hat. Doch anstatt das recherchierte Material zu einem stimmigen Ganzen zu vereinen, wird es für einen filmischen Flickenteppich schonungslos verheizt. In seiner Rahmenerzählung, in der Loye eine schwarze Murmel - wohl sinnbildlich für den Tod - herumträgt, mit der Aussage, dass nur leben könne, wer dem Tod in die Augen schaue, kratzt er schliesslich an der Grenze zum Despektierlichen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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