Caught in the Net - V síti (2020)

Caught in the Net - V síti (2020)

Gefangen im Netz
  1. 100 Minuten

Filmkritik: Tatort: Kinderzimmer

16. Zurich Film Festival 2020
Ein Raum, viele Kameras
Ein Raum, viele Kameras © Hypermarket Film Milan Jaroš

Die beiden Regisseure Barbora Chalupová und Vít Klusák möchten das Thema «Missbrauch an Jugendlichen im Netz» in einem Dokumentarfilm behandeln. Sie entscheiden sich dabei für ein filmisches Experiment, bei dem sie mädchenhaft aussehende, volljährige Schauspielerinnen engagieren, die sich in Chat-Räumen als 12-Jährige ausgeben sollen.

In einer Lagerhalle werden drei Kinderzimmer nachgebaut, in denen sich die Darstellerinnen frei bewegen können und wo Kameras und Mikrofone die Geschehnisse rund um den Laptop aufzeichnen. Zudem sind während dem ganzen Experiment Psychologen vor Ort, welche die Situationen bewerten und notfalls einschreiten. Es dauert nicht lange, bis die drei Frauen von erwachsenen Männern kontaktiert werden, welche die «Mädchen» zu sexuellen Handlungen am Bildschirm auffordern oder von ihnen explizite Fotos verlangen. Dabei wird auch vor Erpressung der Frauen nicht zurückgeschreckt.

Der verstörende Dokumentarfilm Caught in the Net öffnet einem beim Thema «Missbrauch von Jugendlichen im Netz» nicht wirklich die Augen, da er eigentlich nur das bestätigt, was man als Erwachsener im Grunde schon weiss. Was er jedoch mit Nachdruck mit krassen Bildern bestätigt, schüttelt einen regelrecht durch und könnte so auch eine starke abschreckende Wirkung auf potentielle Opfer haben. Dieser Film sollte definitiv in einer entschärften Fassung an Schulen gezeigt werden.

Dass im Internet alle möglichen Grüsel unterwegs sind, ist kein Geheimnis. Die (scheinbare) Anonymität im Netz gibt ihnen einen Freifahrtsschein, das zu tun und zu lassen, was immer sie wollen. Das ist eine traurige Tatsache, die man über die Jahre irgendwie hingenommen hat. Doch der tschechische Dokumentarfilm Caught in the Net sagt klar und deutlich, dass dies nicht hinzunehmen ist, sondern dringend was getan werden muss. Denn der Film drückt einem die unschönen Sachen regelrecht ins Gesicht, sodass es einen verstört und richtig, richtig wütend macht.

Es dürfte eigentlich von Anfang an klar sein, was die Macher beim Start ihres Experiments herausfinden werden. Umso schockierender ist es, wie schnell und oft die drei Schauspielerinnen im Netz belästigt, missbraucht und/oder erpresst werden. Es werden zwar auch anständige Chatpartner gezeigt, doch der Grossteil der im Film gelandeten Beispiele sind unschöner Natur. Es werden viele Geschlechtsteile in Webcams gehalten, die (wie die Gesichter der Männer) im Film zwar verpixelt sind, wodurch aber keinesfalls die Wirkung abgeschwächt wird.

Durch die hohe Anzahl der gezeigten Grüsel wirkt Caught in the Net vor allem im Mittelteil recht repetitiv, da die Maschen der Männer sich recht ähneln. Am liebsten wünscht man sich als Zuschauer ein schnelles Ende mit ganz vielen Verhaftungen, welches wir jedoch am Ende nicht wirklich bekommen. Doch das ist genau die Absicht des Filmes. Wir sehen die Ereignisse durch die Augen der drei Frauen und sind wie sie gefangen in diesem kranken Netz. Die Chance auf Flucht oder Gerechtigkeit ist nur sehr klein. Das Regie-Duo Barbora Chalupová und Vít Klusák machen die Situation so spürbar, was aus ihrer Doku kein schönes Seherlebnis macht, aber dafür ein umso wichtigeres, eines, welches an Schulen gezeigt werden sollte.

Aufgrund der vielen expliziten Szenen fertigen die Macher eine einstündige Version an, welche ab 12 Jahren freigegeben wurde und für den Schulunterricht vorgesehen ist. Es bleibt zu hoffen, dass diese die genau gleiche Wirkung wie die für diese Rezension hergehaltene ab 16 Jahren freigegebene Version hat. Vielleicht hilft es, dass in Zukunft weniger junge Mädchen und Jungs in eine Welt hineingezogen werden, welche die psychologische Macht hat, sie für immer zu verändern.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 2

crs

Filmkritik: Tatort: Kinderzimmer

chepp

Als Mann in den 40ern, mit dem Internet ohne Social Media gross geworden, weiss ich nicht ob ich weinen, kotzen oder mir die Haare ausreissen soll. Es ist unglaublich was hier abgeht, ich hätte das nie für möglich gehalten, in diesem Ausmass.

Unbedingt schauen, Krampf im Magen ertragen, dann Töchter, Nichten und Patenkinder aufklären und beibringen, wo rote Linie ist. Kein Mädchen sollte sowas unvorbereitet erleben, aber leider sind es wohl > 70%.

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