Unhinged (2020)

Unhinged (2020)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Die Russell Crowe Show - Mit Road Rage durch die Stadt!

Nimm Russell Crowe bloss nie das letzte Cookie weg.
Nimm Russell Crowe bloss nie das letzte Cookie weg. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Rachel (Caren Pistorius) ist gestresst. Sie steckt mitten in der Scheidung, ihr bei dir lebender Bruder geht ihr auf die Nerven, beruflich läuft es alles andere als geschmiert und ihr Sohn Kyle (Gabriel Bateman) muss nun auch noch dringend in die Schule gebracht werden. Der Geduldsfaden ist deshalb etwas dünn, weshalb sie wenig Verständnis aufbringt, dass bei einer Ampel der Fahrer des Autos vor ihr (Russell Crowe) knallhart das grüne Licht ignoriert. Laut hupend fährt sie an ihm vorbei - etwas, dass sie sehr schnell bereuen wird.

«Ein Mal alle Chicken-Nuggets, bitte.»
«Ein Mal alle Chicken-Nuggets, bitte.» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Denn mit dem Mann, den sie angehupt hat, ist gar nicht gut Kirschen essen. Dieser durchlebt nämlich eine noch viel schwerere Zeit, hat jedoch im Gegensatz zu Rachel nichts mehr zu verlieren. Deshalb macht sich der hasserfüllte Kerl nun auf, Rachel eine Lektion zu erteilen. Dabei nimmt er schnell nicht nur die junge Mutter ins Visier, sondern auch jene Leute, die ihr am nächsten stehen.

Dank Russell Crowe als psychopathischer Autofahrer ist Unhinged ein kurzweiliger Film, der nur zu Beginn so tut, als hätte er eine Botschaft. Doch dann wird der Turbo gezündet und die Strassen geräumt für einen gradlinigen Thriller mit einigen Gewaltspitzen, die im Vergleich zu anderen Blockbustern doch recht heftig sind. Kein Meisterwerk, aber allemal 90 unterhaltsame Minuten.

Russell Crowe erarbeitete sich in den letzten zwanzig Jahren den Ruf eines Raubeins. Im Eintrag von Crowe auf Wikipedia gibt es gleich eine ganze Sektion namens «Altercations» (Auseinandersetzungen). Mehrfach hat sich der australische Gladiator geprügelt, was ihm viele Geldstrafen und sogar eine ihm gewidmete South-Park-Folge einbrachte (der deutsche Titel der Episode lautet «Die Russell Crowe Show: Mit Prügel um die Welt!»). Diesem Image kommt der Thriller Unhinged nun ebenfalls zugute: Crowe spielt einen durchdrehenden Autofahrer.

Vom Vorspann sollte man sich nicht täuschen lassen. Dieser zeigt Aufnahmen von echten Leuten, die auf der Strasse ausflippten, während Newsmoderatoren die Szenen kommentieren. Es scheint ein Problem unserer Gesellschaft zu sein, dass «Road Rage» immer öfters in die Schlagzeilen gerät. Man könnte da glatt annehmen, dass Unhinged ein Film mit einer ernstzunehmenden Botschaft sei. Doch recht schnell wird klar, dass sich die Macher weniger für Sozialkritik à la Falling Down interessieren, sondern sich mehr an effektiven Autospannungsfilmen wie Duel und The Hitcher orientierten.

Ist Crowes Psycho mal auf die gestresste Mutter losgelassen, gibt der Film Vollgas - höhö - und zieht sein leicht verrücktes Programm bis zum Schluss durch. Ein Vorteil ist dabei sicherlich, dass Unhinged inklusive Abspann gerade einmal 91 Minuten lang ist; auf allzu grosses Vorgeplänkel verzichtet er und kommt recht schnell zur Sache. Zwar ist das nicht alles logisch nachvollziehbar, dafür unterhaltsam, denn als Zuschauer denkt man schon darüber nach, wie man sich in einer solchen Situation verhalten würde. Zudem ist Crowe trotz massiven Übergewichts recht unheimlich und überzeugend in seiner Rolle. «Er kann jedem passieren», steht gross auf dem Poster des Filmes. Ein Umstand, den Unhinged trotz einiger hohlen Entscheidungen auf Seiten der Opferrolle gruseliger als mancher Horrorfilm macht.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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