Und morgen die ganze Welt (2020)

  1. 101 Minuten

Filmkritik: Aus dem Innern der Antifa

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Freude herrscht: Luisa unter ihresgleichen bei einer linken Demo.
Freude herrscht: Luisa unter ihresgleichen bei einer linken Demo. © Studio / Produzent

Mit Anfang 20 beginnt Luisa (Mala Emde) ihr Jus-Studium. Zum ersten Mal kapselt sie sich von ihren adligen Eltern ab und wird von ihrer Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) in eine Antifa-Kommune eingeführt. Plakate malen, Party machen und Dinge ausdiskutieren werden zu ihren neuen Hobbys neben den intensiven Staatsrechts-Seminaren.

Unmut herrscht: Luisa bereitet sich auf Prügeleien mit Faschisten vor.
Unmut herrscht: Luisa bereitet sich auf Prügeleien mit Faschisten vor. © Studio / Produzent

Nach einer Störaktion der Kundgebung einer rechtskonservativen Partei kommt es zu Spannungen. Die friedliebenden Tortenwerfer stehen den gewaltbereiten Mitgliedern um Alfa (Noah Saavedra) kritisch gegenüber. Soll und darf man schonungsloser gegen die Nazis vorgehen? Luisa sympathisiert mit dem radikalen Flügel. Ein Handy eines glatzköpfigen Sicherheitsdienstlers, das sie ergattern konnte, soll helfen, den Nazis einen Schritt voraus zu sein.

Mit frischen Gesichtern und einer zumindest zu Beginn sympathisch gezeichneten Antifa-Kommune im Zentrum nimmt die Regisseurin Julia von Heinz in Und morgen die ganze Welt leichten Bezug auf ihre eigene Biographie. Obwohl sie das Milieu kennt, wirkt die Entwicklung ihrer Hauptfigur unglaubwürdig, und sowohl die Actionszenen als auch die Nazis als Antagonisten sind zu unausgegoren. Dabei stellt der Film durchaus wichtige staatspolitische Fragen.

Artikel 20 des Grundgesetzes lautet: «Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.» Es ist der zentrale Satz im Film von Julia von Heinz, die selber als Studentin innerhalb der Antifa sozialisiert wurde. Mehrfach wird der Paragraph erwähnt und die Figuren arbeiten sich ständig an seiner Auslegung ab.

Die Bezüge zum heutigen Deutschland dabei sind offensichtlich. Rechtsextreme V-Männer innerhalb der Polizei stören die Antifa-Arbeit. Die Polit-Werbung im Film erinnert an Alternative-für-Deutschland-Poster. Der asiatische Imbissbuden-Besitzer eines Kaffs wird blutig geschlagen von «besorgten» Bürgern. Das wirkt alles wirklichkeitsnaher als die Charkterentwicklung der Hauptfigur.

Warum aus der Tochter aus gutem Haus urplötzlich die zu allem entschlossene Fascho-Prüglerin wird, ist unschlüssig. Zerstörungswut wegen nicht erwiderter Liebe des Kommunen-Machos? Ihr plötzliche Lust aufs Nahkampf-Training wirkt forciert. Die Actionszenen sind allgemein etwas hobby-mässig inszeniert. Sobald Luisa zuhause ist im stattlichen Elternhaus weilt, schlenzt sie die Milch aus Mamas Kühlschrank nur so runter. Und Papas Porsche wird gerne benutzt, wenn's der Tarnung des Vorhut-Kommandos vor der nächsten Nazi-Prügelei dient.

Solche unglaubwürdigen Dilemmas tauchen im Film immer wieder auf. Auch die Jungs Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider) haben öfters ihre Zweifel und müssen sich immer wieder selber bestätigen. Ein Altlinker (Andreas Lust) taucht auf als väterlicher Freund, dem das alles irgendwie bekannt vorkommt. In Und Morgen die ganze Welt wirkt die Antifa-Bewegung pubertär statt als korrigierendes Element einer Gesellschaft, die in die falsche Richtung wandert. Schade um die Fragen zur Gewalt als Lösung jedweder Probleme.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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