Ultras (2020)

Ultras (2020)

Über das Ergebnis hinaus

Filmkritik: Italian History X

1. OutNow Film Festival 2020
Alle sind blau und haben eine Fahne.
Alle sind blau und haben eine Fahne. © Netflix

Sein Leben steht im Zeichen eines Fussballclubs: Der knapp fünfzigjährige Sandro (Aniello Arena) ist seit vielen Jahren Anführer der «Apachen», einer berüchtigten Gruppe von Ultras des FC Napoli. Stadionverbote gelten in diesem von Gewalt geprägten Umfeld als Auszeichnung, klar, dass auch er eines hat. Jeden Spieltag muss er persönlich auf der Polizeiwache erscheinen und mit seiner Unterschrift bestätigen, nicht im Stadion zu sein. Kein grösseres Problem, denn die Kämpfe mit den feindlichen Fangruppen verlagern die Männer einfach auf die Strasse.

Eigentlich ganz nette Kerle, diese Ultras!
Eigentlich ganz nette Kerle, diese Ultras! © Netflix

Doch je länger, je mehr beginnt Sandro, sein Leben als Ultra zu hinterfragen. Einerseits hegt er väterliche Gefühle für den jungen Angelo (Ciro Nacca), dessen Bruder, ein legendärer «Apache», bei einem Rencontre mit feindlichen Fangruppen zu Tode gekommen ist. Andererseits verliebt er sich in Terry (Antonia Truppo) und träumt von einem ruhigen Leben mit ihr, was zu Konflikten mit seinen Hooligan-Kollegen führt. Als innerhalb der Gruppe die jüngeren gegen die älteren Gangmitglieder zu rebellieren beginnen, droht die Situation zu eskalieren.

Das Hooligan-Drama von Francesco Lettieri überzeugt vor allem dank dem Hauptdarsteller Aniello Arena, der es schafft, dem anonymen, brutalen Schlägertyp ein menschliches Gesicht zu geben. Auch sonst vermag Ultras eine gute Balance herzustellen zwischen der authentisch scheinenden Darstellung einer abstossenden, gewalttätigen «Fankultur» und einer Geschichte, die auch ans Herz geht. Dass letztere ein wenig fantasielos ist und der Film zudem am Schluss etwas gar viel Pathos reinpackt, fällt da nicht zu stark ins Gewicht.

Die Story sei frei erfunden, ebenso sämtliche Logos, Fahnen und Fangruppen, die in diesem Film gezeigt würden - und Fans des FC Napoli hätten im Übrigen nicht bei der Entstehung dieses Films mitgeholfen. Mit dieser Einblendung am Anfang des Filmes wollen sich die Macher wohl auch ein wenig selbst schützen beziehungsweise ihre Quellen, denn innerhalb der «Szene» mit ihren Ehrenkodexen und kruden Wertvorstellungen dürfte es wohl ein Todverbrechen sein, solche Insider-Infos an Aussenstehende weiterzugeben.

Sei es nun aber mit oder ohne Insider-Infos: Das Umfeld, in dem diese Ultras hier gezeigt werden, wirkt authentisch, und das nicht nur, weil das Hellblau der Fahnen den Vereinsfarben des echten FC Napoli ziemlich ähnlich sieht. Ultras präsentiert diese «Fan»-Szene als Pulverfass, das jede Minute zu explodieren droht - und dies in einer Stadt, in der es sonst für die jungen Männer nicht viele Perspektiven gibt. Die Gewalt ist zwar omnipräsent, und doch zeigt der Film die strengen Regeln, die innerhalb dieser Subkultur bestehen, gleichermassen wie die Konflikte, die entstehen, wenn diese Regeln gebrochen werden.

Inmitten dieser Welt sieht sich der Anführer Sandro immer mehr mit der Sinnfrage seines Tuns konfrontiert. Er wird kongenial verkörpert von Aniello Arena, der selbst eine interessante Geschichte hat. Der Schauspieler selbst hat eine kleinkriminelle Vergangenheit, bevor er 2012 als über 40-jähriger Laiendarsteller in Matteo Garrones Reality so richtig als einfacher Fischverkäufer durchstartete, der unbedingt in die italienische Big-Brother-TV-Show kommen will. Für diese Darstellung erhielt er mehrere Auszeichnungen und als Folge auch weitere Filmangebote - Ultras ist nun das jüngste.

Arenas Charisma und Leinwandpräsenz sind ein Glücksfall für diesen Film. Denn die Geschichte an sich wirkt bekannt und austauschbar. Der Handlungsstrang mit dem jungen Angelo, den der Protagonist davor bewahren will, dieselben Fehler zu machen wie er, erinnert stark an American History X. Waren es dort Neonazis, sind es hier Fussball-Hooligans, wobei die Grenzen dazwischen ja seit jeher fliessend sind. Der zweite Handlungsstrang, in dem Sandro zwischen die Fronten von Grabenkämpfen gerät, erinnert wiederum ein wenig an Mafia-Filme wie GoodFellas.

Doch letztendlich ist Ultras einfach ein Drama über einen alternden Mann, der sein bisheriges Leben hinterfragt. Dessen grosses Pech ist, dass sein Umfeld nicht sehr tolerant mit solchen Lebenskrisen umgeht. Diese Geschichte ist routiniert, aber packend und ohne grosse Schnitzer umgesetzt - zumindest bis zum allzu pathetisch geratenen Ende. Spätestens dort merkt man dann doch wieder, dass der Film nur der Fantasie der Autoren entspricht. Dermassen auf die Tränendrüsen gedrückt wird in den brutalen Ultra-Kreisen wohl kaum - oder doch?

/ ebe