The Trial of the Chicago 7 (2020)

The Trial of the Chicago 7 (2020)

  1. , ,
  2. , ,
  3. 129 Minuten

Filmkritik: The United States vs. The People

Netflix
Vereint auf der Anklagebank
Vereint auf der Anklagebank © Netflix

Im November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt und das Land ist gespalten. Die Debatte über den Vietnamkrieg spitzt sich immer weiter zu, und so kommt es im Sommer 1968 in Chicago zum gewaltsamen Konflikt zwischen den Demonstranten und den bewaffneten Einsatzkräften. Der in Chicago nominierte Kandidat der Demokraten verlor die Wahl gegen Richard Nixon und die verschiedenen Aktivisten der Friedensbewegung wurden plötzlich zur Zielscheibe für «Tricky Dick».

Back in the summer of '68
Back in the summer of '68 © Netflix

Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt) soll im Namen des Justizministeriums die erklärten Staatsfeinde anklagen und hinter Gitter bringen. Der Vorwurf an die acht Personen: Verschwörung. Obwohl sich die Angeklagten in Form von William Kunstler (Mark Rylance) einen Anwalt teilen, haben viele noch nie Kontakt miteinander gehabt. Unter der Leitung eines unfairen Richters (Frank Langella) droht das Ganze zum Schauprozess zu werden. Im Angesicht einer langen Haftstrafe stellt sich für Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen), Tom Hayden (Eddie Redmayne), David Dellinger (John Carroll Lynch) und Co. die Frage nach den eigenen politischen Überzeugungen.

The Trial of the Chicago 7 ist ein hervorragend besetztes und gut geschriebenes Drama. Die scharfen Wortgefechte im Gerichtssaal überwiegen dabei die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Von den zahlreichen Akteuren dürfen nur eine Handvoll glänzen, während der Rest zu Statisten degradiert wird. Es ist eine unterhaltsame Geschichtsstunde mit einem starken Bezug zur Gegenwart, die Aaron Sorkin hier inszeniert.

In einer Demokratie geht es ums Gewinnen. Die besten Ideen und Werte sind nichts wert, wenn man am Wahltag Zweiter wird. Zu diesem bitteren Fazit kommen die Akteure in Aaron Sorkins zweitem Regiewerk. Die wahre Geschichte der Chicago Eight mag schon über vierzig Jahre alt sein, bei Sorkin jedoch wirkt sie wenig historisch. Die Namen mögen sich geändert haben, die Probleme allerdings sind geblieben.

Trotzdem beginnt The Trial of the Chicago 7 mit einer historischen Einordnung. Eine grosse Montage verbindet den Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung miteinander. Ein Crashkurs in Geschichte, der Persönlichkeiten wie Bobby Kennedy zeigt, aber nicht erklärt. Mit einem hohen Tempo werden die Hauptfiguren in ihren Vorbereitungen für die Demonstration gezeigt, nur um das eigentliche Ereignis zu überspringen. Sorkin hat wenig Interesse an der Gewalt und der historischen Stimmung. Es zieht ihn in den Gerichtssaal, wo mit Worten statt mit Batons ausgeteilt wird.

Auf der Anklagebank befindet sich das «All-Star-Team» der Anti-Kriegsbewegung. Sogar ein Mitglied der Black Panther konnte der Staatsanwalt mit auf die Anklagebank schmuggeln. Mit den Chicago 7 hat Bobby Seale aber ebenso wenig zu tun wie mit den Unruhen in Chicago. Sorkin nutzt die Figur, um auf die heutige Polizeigewalt aufmerksam zu machen und zeigt, wie unmenschlich mit Afroamerikanern umgegangen wird. Selbst die Grundrechte eines Menschen werden hier zur Auslegungssache. Der Richter funktioniert hier als Antagonist und Stellvertreter eines Machtsystems. Der Übergang zwischen Selbstinszenierung und Boshaftigkeit ist dabei fliessend.

Die Schlagabtausche im Gerichtssaal haben einen hohen Unterhaltungswert. Sorkins pointiertes Drehbuch sorgt für einige Lacher und gibt den Schauspielern Momente zum Glänzen. Besonders Sacha Baron Cohen zeigt erneut, dass er auch abseits der Komödie ein hervorragender Darsteller ist. Ausschnitte aus seinem Stand-up-Programm erzählen die Geschichte weiter und ermöglichen einen anderen Blickwinkel auf die Ereignisse. Sein grosser Streit mit Eddie Redmaynes Figur ist einer für die Show-Reels der Awardshows. Denn am Ende der Szene überrascht Cohen nicht nur sein Gegenüber, sondern auch die Zuschauer. Ein schmales Lächeln auf Cohens Gesicht, und alle erfreuen sich an Sorkins Drehbuchkniff. Insgesamt gibt es für die Differenzen der Chicago 7 aber zu wenig Raum.

In Rückblenden erleben wir den Tag der Unruhen doch noch mit den Hauptfiguren, inklusive wenigen historischen Aufnahmen. Sie passen zum Vorführeffekt der Erzählung und leisten wenig zur Aufklärung. Obwohl der Film viele seiner Figuren links liegen lässt, wird es hier unübersichtlich. Ebenso fehlt der Verteidigung ein klarer roter Faden, und selbst Überraschungszeugen haben in einem unfairen Prozess eine andere Wirkung. Es passt zum Film, wenn es am Ende mehr um die moralische Selbstinszenierung als um das eigentliche Urteil geht.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Twitter
  4. Letterboxd
  5. Website