Time (2020/I)

Time (2020/I)

  1. 81 Minuten

Filmkritik: It's about time!

16. Zurich Film Festival 2020
© Zurich Film Festival

Der Afroamerikanerin Sibil Richardson wird schon von klein auf beigebracht, dass man alles erreichen könne, wenn man nur genügend an sich glaube. Als sie jedoch mit ihrer Schulliebe Rob einen Laden eröffnen möchte, bleibt der Erfolg aus. Durch die finanzielle Notlage werden die beiden zu einem Raubüberfall genötigt, welcher jedoch mit einer Haftstrafe für beide endet. Sibil wird schon frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen, während ihr Ehemann Rob weiterhin hinter Gittern bleiben muss.

Entschlossen kämpft Sibil für die Freiheit des Vaters ihrer beiden Söhne, welche während des Prozesses jedoch von Kleinkindern zu jungen Männern heranwachsen. Für Sibil stellen alle Versuche, Rob aus dem amerikanischen Justizapparat herauszubringen, eine über Jahre unüberwindbare Hürde dar. Doch während Rob hinter Gittern bleibt, wächst Sibil an der Aufgabe und nutzt ihre rhetorischen Fähigkeiten, um auch ihre Mitmenschen über ihre Gefängniserfahrungen zu belehren und zum Kampf gegen das System anzustacheln.

Mit Time präsentieren Amazon Studios eine Dokumentation, die es in sich hat. Mithilfe einer Kombination von Homevideo-Aufnahmen der Protagonistin und für den Film produziertem Material präsentiert Regisseur Garett Bradley den langwierigen Kampf gegen die amerikanische Justiz auf intensive Weise. Inhaltlich hätte man sich mehr Kontext zum Raubüberfall selbst gewünscht, ansonsten ist Bradleys Film aber eine packende Reportage.

Es ist schnell klar, dass es Sibil Richardson nicht an Selbstvertrauen mangelt, und auch ihre rhetorischen Fähigkeiten würden wohl so manchem Schweizer guttun. Diese braucht sie jedoch auch, um die Massen für ihren Kampf gegen die Justiz zu begeistern und in ihren Bann zu ziehen. Schon von Anfang an werden die Zuschauer durch die privaten Aufnahmen der Protagonistin in ihre Welt hineingezogen und lernen sie und ihre Familie im persönlichsten Rahmen kennen.

Gekonnt nutzt Garett Bradley diese Amateurvideos im Zusammenspiel mit eigenen Aufnahmen, um die Entwicklungen von Sibil über die Jahre hinweg mitzuverfolgen. Auch ihre Söhne, von denen zwei kurz nach der Inhaftierung ihres Vaters geboren wurden, werden genauer vorgestellt, und es wird aufgezeigt, wie diese trotz der Vergangenheit der Eltern zu erfolgreichen Studenten avancieren. Dabei erhält man das Gefühl, fast über zwei Jahrzehnte in 90 Minuten mitzuerleben.

Der Film versucht gar nicht erst, den Raubüberfall an sich genauer zu beleuchten, was ein bisschen problematisch erscheint, da damit auch unklar bleibt, ob die Haftstrafe von Rob nun seiner Straftat entsprechend war, oder ob diese als völlig überrissen bezeichnet werden kann. Der Film versucht jedoch auch gar keine übliche Dokumentation mit «Talking Heads» zu sein, sondern richtet seinen Fokus vollkommen auf die Protagonistin und ihren über Jahre hinwegziehenden Effort.

Minutenlang sieht man sie in Stille auf eine Antwort des örtlichen Richters am Telefon warten. Dues unterstreicht das grosse Mass an Geduld, welches die Frau aus Louisiana stets an den Tag legen musste. Ihr eingesperrter Ehemann wird denn auch nur wenig beleuchtet und bleibt eine reine Seitenfigur des Filmes. Zusätzlich zu erwähnen sind zudem die konsequent durchgezogenen Schwarzweissbilder des Films, welche der Auswegslosigkeit von Sibil Richardson zusätzliches Gewicht geben.

Time ist eine Dokumentation, welche im «Black Lives Matter»-Diskurs den Nerv der Zeit trifft. Der Film hat im Januar 2020 denn auch völlig zurecht den Regie-Doku-Preis am Sundance-Filmfestival ergattert.

Olivier Nüesch [oli]

Olivier schreibt seit 2012 für OutNow. Begonnen hat seine Filmleidenschaft schon sehr früh mit dem CGI-freien «Dschungelbuch». Mit der Gemütlichkeit probiert er es als Popkulturfreak nun jedoch auch mithilfe von Serien, Games, Büchern und Comics.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd

Kommentare Total: 2

yab

Didnt like it at all..
People committing crime, complaining about consequences..
Ok, die Strafen sind zu hart, statuieren ein Exempel, das darf man sehr gerne anklagen. Auch, dass die Hautfarbe ihren Teil dazu beigetragen haben wird, da spricht niemand dagegen.
Aber selbst an einem Raubüberfall teilzunehmen, um dann ganz naiv mit "Oh, Gefängnis? Geht nicht, ich habe doch Kids" zu antworten, daraus einen Film zu drehen, finde ich persönlich beinahe etwas frech. Hätte man sich wohl zuvor überlegen müssen..
So bleibt für mich das ganze unverständlich und distanziert. Die Home-Invasion-Vids nerven, es wiederholt sich, dreht sich im Kreis. Ohne gross Hintergründe zu erfahren, kann ich mich kaum mit jemandem identifizieren, oder zumindest an dessen Schicksal Anteil nehmen.
Und ja, klagt die Justiz und das System an, bitte (zB wie I Am Not Your Negro!), da stehe ich voll und ganz dahinter!

oli

Filmkritik: It's about time!

Kommentar schreiben