Tenet (2020)

Tenet (2020)

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  3. 151 Minuten

Filmkritik: Nolans Action-Orchester

Maskenpflicht jetzt neu auch im eigenen Auto.
Maskenpflicht jetzt neu auch im eigenen Auto. © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Nach einem schiefgelaufenen Einsatz in einem Opernhaus wird der für die CIA arbeitende Protagonist (John David Washington) von finsteren Leuten gefangen genommen und gefoltert. Mit letzter Kraft schafft er es Stunden später eine Selbstmordpille zu schlucken. Doch wacht er danach nicht etwa im Himmel auf, sondern auf einem Schiff. Dort wird er von einem Kontaktmann (Martin Donovan) mit einer neuen Mission betraut. Der Protagonist wird auf den russischen Waffenhändler Andrei Setor (Kenneth Branagh) angesetzt. Schnell merkt der Agent, dass bei seinem neusten Einsatz die Gesetze der Zeit nicht zu gelten scheinen.

Tenet ist ein Monster von einem Film. Die Action ist imposant und beeindruckend, doch die genauen Zeit-Regeln, nach denen gespielt wird, bleiben wegen des undurchsichtigen Spionage-Thriller-Genres lange im Dunkeln. Wenn sie dann mal erklärt werden, geschieht dies mehr beiläufig, da Nolan beim Erzähltempo von Anfang an auf die Tube drückt, um alles in ein zweieinhalbstündiges Spektakel unterzubringen. Das kann überfordern, doch wird der Film mit mehrmaligem Anschauen sicher dazugewinnen. Eines ist sicher: So einen Blockbuster wie Tenet - was die schiere Grösse und Komplexität betrifft - gab es noch nie.

Wir haben aus zwei Gründen auf eine lange Inhaltsangabe verzichtet: Zum einen wollen wir nicht zu viel über den Film verraten und zum anderen ist es verdammt schwer, den Plot zu beschreiben. Denn was Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan hier geschaffen hat, wird nicht nur uns recht schnell einen Knopf ins Hirn machen. Dies bringt aber auch den Vorteil, dass man Tenet nur äusserst schwer spoilern kann.

Laut Nolan wollte er mit Tenet frischen Wind in ein von ihm geliebtes Genre bringen - ähnlich wie er dies schon vor zehn Jahren bei Inception gemacht hatte. Es gibt einfach einen grossen Unterschied: Der Traum-Thriller mit Leonardo DiCaprio zählt zu den Heist-Movies, bei denen es normal ist, dass in der ersten Hälfte die Welt erklärt wird und die Vorbereitungen gezeigt werden, bevor der Coup beginnt. Spionagefilme, zu denen Tenet gehört, leben im Gegensatz dazu auch davon, dass vieles undurchsichtig ist. Was genau abgeht und wer genau Freund und wer Feind ist, wird erst nach einer Weile durch Twists offenbart - Geheimniskrämerei ist ein Trumpf. Nolan macht bei Tenet jedoch auch lange ein Geheimnis daraus, wie das im Film so immens wichtige Umkehren der Zeit genau funktioniert und was für Möglichkeiten dadurch geboten werden.

Die präsentierten Zeitspielereien um den Begriff «Inversion» sind dabei von dem Verständnis her nicht gerade leicht fassbar. Zwar sagt zu Beginn eine von Clémence Poésy verkörperte Wissenschaftlerin, dass der von John David Washington (Sohn von Denzel) gespielte Protagonist (einen richtigen Namen erfahren wir nicht) die ganze Sache nicht verstehen, sondern nur fühlen soll. Folgt man als Zuschauer diesem Ratschlag, kann man sich zwar schon zurücklehnen und die eindrücklichen Actionszenen geniessen. Doch wird man ohne aufgewendetes Hirnschmalz nicht kapieren, was genau geschieht und wieso sich jetzt ausgewählte Sachen auf der Zeitachse zurückbewegen - sogar der Score von Ludwig Göransson wird einige Mals rückwärts abgespielt.

Der Film fordert ungemein, was auch ein Beweis dafür ist, dass Nolan mit totaler Freiheit arbeiten konnte. Denn normalerweise versuchen Filme dieser Grösse so leicht konsumierbar wie möglich zu sein - Tenet ist da anders. Es passt, dass das Ganze mit einer Opern-Szene beginnt, in der ein Orchester seine Instrumente anstimmt. Denn dies hier ist Nolans säuberlich zusammengesetztes Action-Orchester, welches er ohne Einmischung mit viel Gusto und in einem halsbrecherischen Tempo dirigiert - selbst in Momenten, in denen etwas erklärt wird. Ohne Frage wird man sich das elfte Werk des Regisseurs ein paar Mal anschauen müssen, bis man alles vollständig verstanden hat. Bereits zu Inception erstellten Fans Grafiken, welche einem die unterschiedlichen Traumebenen und die Regeln sauber veranschaulichten - hier ein Beispiel. Sowas ist auch bei Tenet wünschenswert.

Unter all der Action und den Physik-Lektionen leiden die Figuren etwas, denn deren Zeichnung fällt eher oberflächlich aus. Nolan interessiert sich offensichtlich mehr für das Konzept als für seine Charaktere. Über Washingtons Protagonisten wissen wir nur, dass er unschuldige Menschen und seine Kollegen beschützt - das war's. Am ehesten ausgearbeitet ist da noch Kenneth Branaghs Bösewicht, dessen Spiel jedoch ein paar Mal zu viel des Guten ist.

Manchmal hat man auch das Gefühl, dass Tenet selbst mit seinen vielen Locations und dem wilden Showdown - von dem in den Trailern nichts zu sehen war - zu viel des Guten ist. Doch Nolans Vision ist dermassen einnehmend, dass einem ständig die Kinnlade herunterfällt. Mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar hat er einen eindrücklichen, bombastischen und anspruchsvollen, wenn nicht sogar den anspruchsvollsten Blockbuster aller Zeiten geschaffen. Schlichtweg ganz grosses Kino und ein Must-see auf der (IMAX-)Leinwand. Einfach bitte einen wachen Kopf mitbringen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 11

Bellowulf

Ich zoll den Drehbuchschreibern respekt, eine Handlung so zu bauen, die vorwärts und rückwärts zu funktionieren scheint. Aber ich frag mich bei Nolan immer wieder: was will der Mann uns sagen? Der Film scheint mir eher prätentiös und selbstverliebt zu sein. Mir gefiel der Film nicht. Trotz der Daueraufgeregtheit fand ich ihn langatmig, eher langweilig.

oscon

Ist TENET ein "Meisterwerk": Ja, zu mindestens visuell und aufgrund der visionären Verwendung des "wissenschaftlichen Unterbodens" des Films.
Grundsätzlich stellt TENET einen Agententhriller dar, mit allem was dazu gehört: Charismatischer Bösewicht mit verräterischer Femme fatale, ein (namenloser) Held inkl. Best Buddy Sidekick, sowie eine Technologie die die Welt zerstören könnte.
Allerdings stellt diese vermeindliche "Technologie des Bösen", die "Inversion", den Knackpunkt des Films dar:
Eigentlich ist diese vom Grundsatz gar nicht so schwer zu begreifen, in der filmischen Umsetzung jedoch wird der Zuschauer schlichtweg überfordert! (...oder war das genau Nolan's Idee?)
Was bleibt ist ein staunendes Publikum, welches die solide Action in Form eins visuellen Augenschmauses mit offenen Kinnladen verfolgt!
Mein Tip: Nicht zuviel darüber nachdenken, sondern einfach geniessen...

andycolette

Schon nicht zum glauben dieser Christopher Nolan unter Masterpiece gibt es bei ihm michts!!!! Kamera Machart Musik unglaublich sehr komplex man kommt kaum nach!!! Für Physik Genies um alles zu verstehen muss man den Film wohl auswendig kennen!! Bravo Christopher

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