Switzerländers (2020)

Switzerländers (2020)

  1. 82 Minuten

Filmkritik: Leserreporter von Ridley Scotts Gnaden

1. OutNow Film Festival 2020
Pferchen vor dem Werchen: Schweizer Rekruten beim Transport.
Pferchen vor dem Werchen: Schweizer Rekruten beim Transport. © Praesens Film

Es ist der 21. Juni 2019, der längste Tag des Jahres. Die Schweiz erwacht - und mit ihr die Bewohnerinnen. Als erstes eine Bäckerin, die frühmorgens in die Backstube muss. Rekruten haben auch früh Tagwacht. Später ein Meitli am Schwingfest, ein immobiler Flüchtling, ein Hausarzt mit Diktiergerät. Sie alle haben sich und ihren Tagesablauf gefilmt oder filmen lassen für das Crowdsourcing-Projekt Switzerländers.

Der ferrophile Nachwuchs freut sich über einen Intercity.
Der ferrophile Nachwuchs freut sich über einen Intercity. © Praesens Film

Ein Land mit vier Sprachen, hohen Bergen, kühlen Gewässern und auch ein paar grantligen Einwohnern. Der Film zeigt die Schweiz als Supercut aus eingesandten Normalo-Videos unter der künstlerischen Leitung von Starregisseur Michael Steiner (Wolkenbruch). Bis auch einmal der längste Tag vorüber ist, und die Dunkelheit den Einsatz von Nachtsichtkameras nötig machte - oder einfach den Machern das Material ausging.

Der einzige Schweizer Film am 1. OutNow Film Festival (ONFF) nimmt eine Idee, die Ridley Scott (The Martian) vor knapp zehn Jahren hatte, und helvetisiert sie. Das Sammelsummieren vieler Clips von Schweizern, die nicht immer wie du und ich agieren, fällt nach einer Dekade, in denen Creators bei Youtube ihre eigene Stimme fanden, aus der Zeit. Ein Schwarm ohne Charme.

Nach grossem - einige würden sagen künstlichem - Tamtam zum Startschuss des Projekts ist Switzerländers nun da. Eine grosse Pendlerzeitung machte einst Mantelwerbung mit Steiners Mahnfinger in Onkel-Sam-Manier, und das Verlagshaus ebendieses Mediums präsentiert im Frühling 2020 auch den Kinofilm, der Corona-bedingt leider doch nur für zuhause veröffentlicht wird. Namhafte Sponsoren sind an Bord. Vor und hinter dem Selfiestick, der Go-Pro, dem Smartphone und der Drohnenfernbedienung hingegen Alltagsmenschen und ihre Haustiere.

In seinen besseren Momenten hat das eine Terrence-Malicksche-Dröseligkeit. Die Bildqualität schwankt projektbedingt. Nur der Blubbertechno von Michael Stearns ist konstant. Ein Querschnitt der Gesamtbevölkerung hat Clips eingereicht. Etwas mehr Romanisch als Welsch, aber banal allemal. Der Schnitt ordnet chronologisch - mit einer grossen Mittagspause über Wasseratten im kühlen Nass in der Hälfte des Filme. Notabene: Der 21. Juni 2019 war heiss.

Kontraste entstehen mit der editierten Gegenüberstellung von Automobilisten und Gletscherforschern, oder dem schnellen Wechsel vom flinken Trailrunner zum behäbigen Seniorenturnen. Krankheitsschicksale werden angekratzt. Ein paar Weirdos hat es auch. Die Vermutung liegt nah, dass die Schnittmenge zwischen Leserreporter und «Switzerländer» nicht unbedingt klein war. Die Originalidee hatte Ridley Scott schon 2011. Das englische Life in a Day gibt's hier in voller Länge. Die Lust auf Quervergleiche hält sich in Grenzen.

/ rm