Sweat (2020)

Sweat (2020)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: #beautiful #famous #lonely

16. Zurich Film Festival 2020
Mmmh, die vielen Squats haben sich gelohnt.
Mmmh, die vielen Squats haben sich gelohnt. © Natalia Łączyńska Lava Films

Mit strahlendem Lächeln positioniert sich Sylwia (Magdalena Koleśnik) in ihrem pinkfarbenen Sportoutfit für das obligate Selfie vor ihren Fans im Hintergrund. Soeben hat die beliebte Fitnesstrainerin und Influencerin eine weitere Trainingssession absolviert und grüsst auf den Social-Media-Kanälen ihre 600'000 Follower. Neben den Fitnessvideos, die sie dreht, hält Sylwia täglich zahlreiche weitere Momente aus ihrem Privatleben mit dem Handy fest und teilt diese im Netz. Sie wird von diversen namhaften Marken gesponsert und werbt in ihren Videos regelmässig für deren Produkte.

Doch die Zusammenarbeit sorgt auch für den ein oder anderen Konflikt. So missfällt es beispielsweise einem ihrer Sponsoren, als Sylwia ein emotionales Video auf ihren Kanälen teilt, in welchem sie offen darüber spricht, dass ihr ein liebevoller Partner im Leben fehlt und sie sich einsam fühlt. Und sie wird noch heftiger mit den Schattenseiten ihrer Beschäftigung und ihres Berühmtheitsstatus konfrontiert, als ihr vor der Wohnung ein Stalker auflauert.

Mit seinem zweiten Spielfilm Sweat serviert der in Polen lebende schwedische Regisseur Magnus von Horn ein beklemmendes, spannend inszeniertes Influencer-Drama, das den Nerv der Zeit trifft. Wie er sich kritisch mit dem Einfluss der sozialen Medien auf die Gesellschaft auseinandersetzt, ist bemerkenswert und er stellt deren Macht sowie deren Gefahren eindrücklich dar. Die tragende Kraft seines Werks heisst Magdalena Koleśnik. In nahezu jeder Einstellung ist die überragende Hauptdarstellerin zu sehen und sie brilliert sowohl in den energiegeladenen als auch in den emotionalen Momenten.

Magnus von Horns Erstlingswerk The Here After handelte von einem Jugendlichen, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde und zurück in seinem Heimatdorf um Vergebung kämpft und versucht, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. In Sweat greift von Horn einige Themen aus seinem Vorgängerfilm wieder auf. Erneut legt er den Fokus sehr stark auf seine Hauptfigur, deren Psyche und deren öffentliche Wahrnehmung. Die Zuschauer werden Zeugen davon, wie Sylwia ihr Image in der Öffentlichkeit pflegt und um Anerkennung und Akzeptanz kämpft. Dabei wird sie mit Vorurteilen konfrontiert, insbesondere von ihrer Familie, für welche die Social-Media-Welt grösstenteils fremd ist.

Die Erzählung wirkt ungemein authentisch und aktuell, weil die jüngeren Generationen, welche auf den sozialen Medien aktiv sind, auf ihren Feeds tagtäglich zahlreiche junge Menschen wie Sylwia zu sehen bekommen. Und aus ihren eigenen Erfahrungen dürften viele auch nachvollziehen können, dass ältere Generationen sich zum Teil schwer damit tun, der Entwicklung der sozialen Medien zu folgen, deren Inhalte zu akzeptieren und diese als bedeutsam einzustufen.

Die Wertvorstellungen, welche von Sylwia vermittelt werden, sind keineswegs falsch, jedoch unverhältnismässig. Schönheit, Fitness, gesunde Ernährung und ökologisches Denken vermarktet sie so diszipliniert und leidenschaftlich, dass essenzielle Aspekte ihres Lebens wie die Liebe und das soziale Umfeld stark vernachlässigt werden. Als sie dies realisiert und in einem Video öffentlich Stellung dazu nimmt, wird es von verschiedenen Seiten, insbesondere von ihren Sponsoren, heftig kritisiert. Damit wird deutlich aufgezeigt, welch grosse Bedeutung der Social-Media-Wahn für die Wirtschaft hat und wie dies Sylwia in ihrem Handeln einschränkt.

Mit der Stalker-Geschichte greift von Horn einen weiteren grossen Nachteil und eine Gefahr der Influencer-Tätigkeit auf. Auch diese Szenen sind authentisch inszeniert, wobei der Regisseur diese Entwicklung wirklich bis auf die Spitze treibt und einen Akt von Gewalt unverblümt darstellt.

Das grösste Lob für diesen starken Film gebührt aber der Hauptdarstellerin Magdalena Koleśnik. Die hübsche polnische Schauspielerin passt bestens in die Rolle der erfolgreichen Influencerin. Während sie in der Anfangsphase insbesondere mit ihrem energiegeladenen, motivierten und charmanten Auftreten begeistert, überzeugt sie im Verlaufe des Films auch in sehr emotionalen Szenen als verunsicherte und verletzliche Person. Die Kamera folgt ihr dabei auf Schritt und Tritt und hält die schauspielerische Meisterleistung mit oftmals sehr nahen und dynamischen Aufnahmen fest.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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