Supernova (2020/II)

Filmkritik: Bedingungslose Liebe

16. Zurich Film Festival 2020
Tusker und Sam schauen in die Zukunft.
Tusker und Sam schauen in die Zukunft. © Zurich Film Festival

Tusker (Stanley Tucci) und Sam (Colin Firth), beide mittleren Alters, sind seit vielen Jahren ein Paar. Tusker ist Schriftsteller und an Demenz erkrankt. Sam, ein Pianist, kümmert sich liebevoll um ihn. Sie unternehmen mit einem Wohnmobil einen Roadtrip durch England, wo sie noch einmal Freunde und Verwandte treffen wollen. Bei einem der Stopps soll Sam auch sein Comeback als Konzertpianist geben, da er sich in den vergangenen Monaten ausschliesslich um Tusker gekümmert hat.

Während der Reise merken die beiden, dass ihre Zukunftsvorstellungen auseinanderdriften und auch, dass sie vielleicht doch nicht alles vom anderen wissen. Auch mit Tuskers Krankheit gehen sie sehr unterschiedlich um: Während Tusker sich zwar manchmal in Zynismus flüchtet, grundsätzlich aber sehr realistisch mit seiner Krankheit umgeht, versucht Sam die Krankheit seines Partners zu verdrängen und gegen aussen den Schein zu wahren.

Supernova ist ein sehr berührendes Drama, in dem zwei unzertrennlich ineinander verliebte Männer gegen die Demenzkrankheit kämpfen. Gleichzeitig ist es aber auch ein Film über zwei Männer, die sich trotz ihrer grossen Liebe in der Zukunftsplanung immer weiter voneinander entfernen. Colin Firth und Stanley Tucci sind dabei schlicht grossartig!

In seinem erst zweiten Film als Regisseur ist Harry Macqueen mit Supernova ein zutiefst berührendes Drama gelungen. Stanley Tucci (als Tusker) und Colin Firth (als Sam) als homosexuelles Paar übertreffen sich dabei fast minütlich gegenseitig bezüglich ihrer schauspielerischen Leistung.

Im Gegensatz zu Filmen mit ähnlichem Setting steht in Supernova für einmal nicht die Homosexualität als solche im Mittelpunkt. Der Fokus liegt ganz eindeutig im höchst unterschiedlichen Umgang der beiden Männer mit der Demenzkrankheit, dem Umgang sowohl untereinander als auch gegen aussen.

Stanley Tucci als schwer erkrankter Tusker spielt die Rolle auf seine ganz eigene Art, derweil Colin Firth die Rolle des leidenden Partners auf den Leib geschrieben scheint. Man spürt förmlich, wie viel Spass die beiden beim Dreh dieses Filmes hatten. Der Film erinnert sehr stark an Paddleton, ist aber um einiges ernsthafter und vor allem besser umgesetzt.

Trotz des schwierigen Themas gelingt es Regisseur Harry Macqueen, dass der Film nicht allzu schwer wirkt. Herzzerreissende Szenen zwischen den beiden und Dialogzeilen, die bis ins Mark treffen, wechseln sich immer wieder mit fast schon heiteren oder sehr liebevollen Szenen ab. Diese Kombination aus all diesen Emotionen macht den Film zu einem grossartigen Erlebnis.

Schade ist höchstens, dass der Film nach 95 Minuten bereits endet. Von solch hervorragenden schauspielerischen Leistungen und geistreichen Dialogen kann man nie genug kriegen.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 02:06