Soul (2020)

Soul (2020)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Das Leben nach dem Tod

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Pizza? Das muss der Himmel sein!
Pizza? Das muss der Himmel sein! © The Walt Disney Company Switzerland. All Rights Reserved.

Der Musiklehrer Joe Gardner (Stimme: Jamie Foxx) träumt davon, ein gefeierter Jazzpianist zu sein. Als ihm die Möglichkeit bietet, kurzfristig bei einem Jazz-Quartet auszuhelfen, scheint er seinem Traum so nahe wie noch nie zu sein. Nur dumm, dass er nur wenige Minuten nach der erfreulichen Nachricht ums Leben kommt und so auf der Rolltreppe Richtung Jenseits landet. Doch Joe ist noch nicht bereit dafür. Es gelingt ihm die Treppe zu verlassen, doch fällt er von dort direkt ins Davorseits. Dort erhalten neue Seelen ihre Persönlichkeiten, Macken und Interessen, bevor sie auf die Erde gehen.

Rechnen? Ist das die Hölle?
Rechnen? Ist das die Hölle? © The Walt Disney Company Switzerland. All Rights Reserved.

Damit er nicht entdeckt wird, gibt sich Joe als einer der Mentoren aus, die den neuen Seelen auf der Suche nach Inspiration helfen sollen. Er bekommt dabei mit der Seele 22 (Stimme: Tina Fey) jedoch gleich die härteste Knacknuss zugeteilt. 22 hat nämlich gar keinen Bock auf das Leben auf der Erde, und so haben sich schon weit andere an ihr die Zähne ausgebissen. Gemeinsam gehen Joe und 22 auf ein irres Abenteuer, welches sie vom Davorseits bis nach New York führt.

Wie schon bei Inside Out nehmen die Macher auch bei Soul nicht gross Rücksicht auf ein jüngeres Publikum. Sie präsentieren spannende, nicht einfach greifbare Konzepte, an denen vor allem Erwachsene ihre Freude haben werden. Die Erkundschaftung des Davorseits ist dabei kreativ und äusserst witzig. Leider opfert der Film etwas zu viel Zeit für eine Bodyswitch-Story, mit der dann aber wieder die Kinder abgeholt werden. Am Ende überwiegt jedoch für alle ein positiver Gesamteindruck.

Wie entsteht eine Persönlichkeit? Wurden wir schon mit einer geboren oder entwickeln sich solche in unseren ersten Jahren? Was zeichnet zudem ein sinnvolles Leben aus? Die menschlichen Beziehungen, die man hat? Geht es darum, bewusst zu leben? Alles Fragen, die sich die Macher von Soul gestellt haben und zu denen sie in ihrem philosophischen und existenzialistischen Film versuchen Antworten zu geben. Doch handelt es sich hierbei nicht etwa um einen harten Arthouse-Brocken, sondern um das neuste Werk von Pixar. Wer schon vor ein paar Jahren Zweifel hatte, dass das Gefühlstohuwabohu in Inside Out zu hoch für ein Kinderpublikum sei, denen scheint der schon damals involvierte Regisseur Pete Docter gesagt zu haben: «Hold my Pixar Lamp.»

Denn Soul legt nochmals eine ordentliche Schippe obendrauf und dürfte so zu Beginn ein junges Publikum ordentlich überfordern. Ist Protagonist Joe nach nicht einmal zehn Minuten Laufzeit im Davorseits angekommen, präsentieren Docter und und sein Co-Regisseur Kemp Powers bereits viele interessante, aber für Kinder nur schwer fassbare Konzepte, an denen eher Erwachsene ihre Freude haben werden. Es werden dabei Theorien aufgestellt, wieso gewisse Dinge in unserer Welt so funktionieren, wie sie es tun. Die vielen cleveren Einfälle sollten dabei alle am besten selbst entdeckt werden. Verraten sei nur, dass dies beim Humor auf dem gleichen Level ist wie die Erklärung des Ohrwurms in Inside Out.

Die Erkundung dieser Davorseits-Welt ist der klar beste Teil von Soul. Besonders, weil der Plot dann nur schwer vorhersehbar ist, denn wir kennen diese Welt nicht und es kann alles passieren. Was dabei an kreativen Ideen aufgefahren wird, ist schlichtweg sensationell. Alleine wie die in der Originalfassung von Tina Fey gesprochene Seele 22 in schnell geschnittenen Szenen mehrere bekannte Mentoren in den Wahnsinn treibt, gehört zu den Highlights des Filmjahres. Neben der energiegeladenen Sprechperformance von Fey begeistern auch «IT-Crowdler» Richard Ayoade und Taika-Waititi-Buddy Rachel House in ihren simplen, aber nichtdestotrotz faszinierend designten Davorseits-Rollen.

Schade ist nur, dass der Film diesen Teil nach einer Weile für einen Bodyswitch-Plot eintauscht, der auf unserer langweiligen, weil bekannten Erde spielt. Kinder werden das sicher anders sehen, denn dann gibt es einfacher zu verstehenden Slapstick. Erwachsene hingegen werden das eher ermüdend finden und sich die Rückkehr ins Davorseits wünschen, wo die Möglichkeiten endlos schienen. Da wünscht man sich doch glatt ein Sequel.

Doch genug genörgelt, denn Soul bringt einem ja auch bei, dass man vermehrt die kleinen Dinge des Lebens geniessen soll - was etwas ironisch ist bei einer Produktion, die 150 Millionen Dollar gekostet haben soll. Es ist auf jeden Fall passend, dass am Ende einem vor allem die vielen kleinen lustigen Einfälle in Erinnerung bleiben. Die Klasse eines Inside Out, wo am Ende sogar Tränen verdrückt werden konnten, wird zwar nicht erreicht, doch trotzdem bietet Soul Animationsfilmspass auf hohem Niveau.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 2

muri

Nett, aber mit zunehmender Filmdauer doch recht zäh. Zwar mit viel Gefühl und toller Animation, aber inhaltlich halt doch nicht so spannend und interessant, wie erhofft.

Die Körperwechselstory verheizt gute Möglichkeiten für eine noch schönere Story. Ausserdem fehlt der Drive, der einem solchen Film auch mal gut getan hätte.

Warte, nach Onward und Toy Story 4 weiterhin darauf, dass mich Pixar wieder verzaubert, wie sie das früher eigentlich regelmässig getan haben.

crs

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