The Social Dilemma (2020)

The Social Dilemma (2020)

Das Dilemma mit den sozialen Medien
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  2. 89 Minuten

Filmkritik: Das Ende naht im Handy

Netflix
Smombie beim Netflix und Nicht-so-ganz-chill
Smombie beim Netflix und Nicht-so-ganz-chill © Exposure Labs/Netflix

Soziale Medien gehören längst zum Alltag der meisten Menschen. Über Google, Facebook, Youtube, Whatsapp, Instagram, Snapchat und viele weitere Apps der grossen Technologie-Riesen kommunizieren wir, informieren uns, präsentieren uns der Welt. Auf dem Handy stets griffbereit, ist das nächste Video, der nächste Post, das nächste Like nur ein paar Klicks entfernt.

«Be afraid. Be very afraid!»
«Be afraid. Be very afraid!» © Exposure Labs/Netflix

Die Dokumentation lässt zahlreiche ehemalige Mitarbeiter der grossen Tech-Firmen - darunter Tristan Harris, der als Design-Ethiker einst bei Google angestellt war - zu Wort kommen. Sie alle kamen inzwischen zum Schluss, dass die Nutzung von sozialen Medien böse Folgen mit sich bringen können: Der Mensch wird als Nutzer zur Ware, der für die Firmen durch Klickzahlen Geld einbringen soll - dafür steigen aber psychische Probleme der User, radikalisieren sich die Inhalte, können soziale Medien immer leichter für politische Zwecke missbraucht werden. Social Media - das Ende unserer Gesellschaft?

The Social Dilemma wirft ein äusserst unangenehmes Schlaglicht auf unser Mediennutzungsverhalten und spürt dem beunruhigenden Einfluss von Social Media auf unsere Gesellschaft nach. Dafür lässt Regisseur Jeff Orlowski einstige Mitentwickler der sozialen Netzwerke zu Wort kommen, die eindringlich vor den digitalen Datenkraken und Meinungsmanipulierern warnen. Herausgekommen ist eine beklemmende Dokumentation, die das komplexe Thema zugänglich aufbereitet. Abzüge gibt es einzig für die Dokudrama-Sequenzen, die leider recht plakativ geraten sind und eher fremdschämig daherkommen.

Eigentlich wissen wir es ja schon lange: Google, Facebook & Co. sind zwar offiziell «gratis», jedoch geben wir bei der Nutzung von Social Media unzählige Daten frei, über deren Weiterverwendung wir keine Kontrolle haben. Auch was den einzelnen Usern warum im News-Feed angezeigt wird, ist nicht klar, denn wie die Algorithmen der Plattformen funktionieren, wird nicht öffentlich gemacht. Die Dokumentation The Social Dilemma nimmt sich also einer vieldiskutierten Thematik an, die bei vielen trotzdem eher ein Schulterzucken auslöst. Auf soziale Netzwerke zu verzichten ist halt schwer, schliesslich sind sie überall und fast jeder ist irgendwie dabei.

Der Film belässt es jedoch nicht dabei, auf Datenschutzlücken hinzuweisen und auf manipulierte Wahlen einzugehen. Vielmehr hinterfragt The Social Dilemma die fehlenden ethischen Grundsätze hinter der Clickbait-Philosophie der Tech-Branche, welche für hohe Klickzahlen - und damit hohe Werbeeinnahmen - alle möglichen Inhalte verbreitet, egal ob Fake News, politisch radikal oder potenziell lebensgefährdend. Die aufgezeigten Mechanismen der Plattformen und deren Folgen wirken dabei umso beklemmender, weil die zahlreichen Gewährspersonen bei der Entwicklung von Google, Facebook, Pinterest etc. mitgewirkt haben und nun selbst die Alarmglocken läuten und mehr staatliche Regulierung fordern.

Dies macht den Film zu einem packenden, wenn auch ziemlich unangenehmen Seherlebnis. Um das komplexe Thema zugänglich aufzubereiten, nähert er sich diesem aus zwei Richtungen: Auf der einen Seite berichten die Experten im Interview von den Tücken der Social-Media-Plattformen, deren weitreichenden Folgen für die Psyche der User sowie für Gesellschaft und Demokratie. Auf der anderen Seite wird in einem Dokudrama-Handlungsstrang mithilfe von Schauspielern ein Szenario durchgespielt, welche die Folgen von übermässiger Nutzung solcher Plattformen insbesondere für junge Nutzende illustriert.

Diese dramatisierten Sequenzen sind fraglos der Schwachpunkt der gesamten Dokumentation, da sie die Abläufe sehr vereinfacht und überzeichnet darstellen. Besonders die an Inside Out erinnernden Sequenzen mit Vincent Kartheiser (Mad Men), welche die Mechanismen der Algorithmen darstellen sollen, kratzen stark an der Schwelle zum Fremdschämen. Mit zunehmender Filmlänge wirken jedoch auch diese Sequenzen.

Schade ist, dass die Dokumentation ausser staatlicher Regulierung und dem Verzicht auf die Nutzung keine Gegenmassnahmen vorschlägt, würde sich doch gerade bei jungen Nutzenden die Vermittlung eines kritischen Umgangs mit Medieninhalten anbieten. Abgesehen davon gewährt der Film aber beeindruckende - und beängstigende - Einblicke in die Mechanismen und Risiken unserer technischen Begleiter. Unbedingt schauen!

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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