Slalom (2020)

Slalom (2020)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Million Euro Baby

16. Zurich Film Festival 2020
Alpenglühen auf Französisch
Alpenglühen auf Französisch © Zurich Film Festival

Lyz Lopez (Noée Abita) atmet schwer, während ihr Trainer Fred (Jérémie Renier) sie vor traumhafter Winterkulisse anpeitscht. «Explosiv, explosiv!», drillt er seine Zöglinge. Als Lyz ihre Mutter erblickt, schleicht sie sich kurz davon. «Wenn du nach Hause gehen willst, ist jetzt die Zeit dafür», blafft sie Fred an. Doch Lyz denkt nicht im Traum daran. Mit den Bergen vor den Augen, Lindsey Vonns Triumphen im Hinterkopf und dem Fernziel Olympia-Quali nimmt die 15-Jährige die 10 Stunden tägliches Training gerne in Kauf.

Die kesse Lyz landet aber bald auf hartem Schnee. Denn der cholerische Fred macht alle zur Schnecke, die nicht ihre Höchstleistung abrufen, pusht die jungen Gemüter, indem er sie psychisch zerstört. Bei Lyz funktioniert diese Masche blendend und schon bald findet das Raubein Freude an seinem neu gewonnenen Supertalent. Lyz fühlt sich in ihrer Entwicklung bestätigt und gibt alles, um ihm zu gefallen. Spätestens als sie ihn eines Tages beim Duschen beobachtet, findet sie auch Gefallen an ihm.

Dieses Coming-of-Age-Drama um das sexuelle Verhältnis eines Ski-Trainers zu seinem 15-jährigen Schützling stürzt sich regelrecht den Steilhang hinunter. Mit rasantem Tempo spitzt sich die Situation um den Charakter der entfesselt aufspielenden Noée Abita zu, doch dann wird der Bogen überspannt, sodass Slalom aufgrund seiner überexpliziten Bildsprache und lauten, sich abnutztenden Provokationen letztlich vor allem konstruiert und bemüht wirkt.

Wer im Alter von 15 Jahren alles auf eine Karte setzt, macht einen kühnen Schritt. Denn mit dem Erwachsenwerden kommen auch die Sorgen des Lebens - und tatsächlich dauert es nicht lange, bis der scheinbar unbeholfenen Lyz ihr Leben um die Ohren fliegt. Ihre Träume, die Schule, ihre Familie und besonders die sich allmählich regende Sexualität halten Herausforderungen für sie bereit, die es in sich haben. Bereits hier wird klar, dass sich dieses Drama einen Tick zu viel vornimmt. Doch die fulminant aufspielende Noée Abita schafft es, einen mit ihrer exzessiven Figur total gefangen zu nehmen.

Kein Wunder sucht Lyz in der klirrenden Kälte Nestwärme - und findet sie ausgerechnet bei ihrem ziemlich unsympathischen und eindimensional gezeichneten Trainer, zu dem sie eine sich rasant entwickelnde Neigung findet und sich ihm schliesslich ganz opfert. Bei aller ostentativen Ski-too-Anklage und der Problematisierung der Macht des Trainers über die Person und Persönlichkeit seiner Schützlinge, lässt Regisseurin Charlène Favier raffiniert in der Schwebe, wie viel Fleischeslust, Neugierde und wahre Liebe hier im Spiel ist - ein Seitenhieb auf ihr Frankreich, das sich mit dem Thema Schutzalter seit jeher schwertut.

So schaukeln sich die zwei Protagonisten zu einer verbotenen Affäre hoch, die man zunächst betroffen verfolgt, dann aber zunehmend nur noch peinlich berührt duldet. Und weil Lyz freilich niemanden hat ausser ihrer bedauernswerten Vater-Trainer-Freund-Loverfigur, zwingt sich Slalom dazu, immer neue Formen des Tabubruchs zu suchen und überflutet einen schliesslich mit übersexualisierter Bildsprache, lechzt nach Expressivität mit der Einblendung von Kinderhänden nach vollzogenem Akt und enttäuscht mit einem uninspirierten, aufgesetzten Schluss.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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