Shiva Baby (2020)

  1. 77 Minuten

Filmkritik: Die Familie(-nzusammenkünfte) kann man sich nicht aussuchen

45th Toronto International Film Festival
«Hallo, Max.»
«Hallo, Max.» © Courtesy of TIFF

Die Jüdin Danielle (Rachel Sennott) weiss nicht so richtig, was sie will. Sie steht kurz vor ihrem College-Abschluss, hat jedoch keine Ahnung, wie es danach weitergehen soll. Ihren Eltern (Polly Draper, Fred Melamed) spielt sie derweil eine heile Welt vor und erzählt ihnen unter anderen, dass sie sich mit Babysitten etwas Geld nebenbei dazuverdient. Doch das stimmt hinten und vorne nicht, denn das Geld kommt von ihrem Sugar Daddy Max (Danny Deferrari), mit dem sie in dessen wunderschönen Apartment regelmässig Sex hat.

«Ääääääh.»
«Ääääääh.» © Courtesy of TIFF

Am liebsten würde Danielle einfach in Ruhe gelassen werden. Doch dies ist keine Option, als sie ein Trauermahl gezerrt wird, wo die Verwandtschaft natürlich wissen will, wie die Zukunftspläne der jungen Frau denn so aussehen. Danielle graut es jedoch noch mehr vom Wiedersehen mit ihrer Ex Maya (Molly Gordon), welche schon bald Recht studieren wird. Die Ereignisse überschlagen sich aber regelrecht, als plötzlich Max auftaucht - zusammen mit Ehefrau und Kind. Danielle erlebt nervenaufreibende Stunden.

Shiva Baby spielt zwar vornehmlich an einem jüdischen Trauermahl, doch die einzigen Tränen, die bei den Zuschauern verdrückt werden, stammen vom Lachen. Das Langfilmdebüt der kanadischen Regisseurin Emma Seligman ist dank viel Situationskomik und einer «Ihr könnt mich alle Mal»-Antiheldin herrlich verschroben und äusserst witzig. Ein echter Geheimtipp.

«Guilt Trip» ist nicht nur eine sehr mässige Komödie mit Seth Rogen und Barbra Streisand in den Hauptrollen, sondern auch die englische Bezeichnung dafür, bei jemanden Schuldgefühle zu erwecken. Das Langfilmdebüt von Emma Seligman mit dem Titel Shiva Baby hätte geradezu auch so heissen können. Denn was hier unter der Oberfläche an Schuldgefühlen ausgeteilt wird, ist nicht nur recht fies, sondern vor allem auch sehr lustig.

Manch einer dürfte dabei an eigene Erlebnisse an Familienzusammenkünften erinnert werden, an denen Eltern gerne mit den Leistungen des eigenen Nachwuchses prahlen. Als Nachwuchs kommt man da automatisch in eine schräge Gefühlslage und würde am liebsten die Feier verlassen. Doch das geht eben bei den meisten solchen Family-Events nicht, was auch für die hier gezeigte Situation, ein Trauermahl, gilt. Viel getrauert wird dabei nicht, denn die Geschichte ist in etwa so tragisch und traurig wie die gefeierte Brit-Comedy Death at a Funeral - also gar nicht.

Die ganze Handlung spielt sich dabei fast ausschliesslich in einem einzigen Haus ab. Seligman nutzt das sicher auch wegen Budgetüberlegungen begrenze Setting auf clevere Art und Weise. Denn das mit Verwandten vollgestopfte Haus bietet eigentlich keine Chance für Verschnaufpausen. Ständig läuft Protagonistin Danielle in Bekannte und Verwandte hinein, die viele Fragen über ihre Zukunft haben, die sie nicht zu beanworten weiss.

Danielle kann einem wirklich leid tun, doch weiss sie durchaus auch zurückzugeben. Zwar werden bei ihr einige Schuldgefühle ausgelöst, doch weiss sie auch selber welche zu verteilen. Das macht sie nicht unbedingt zu der sympathischten aller Figuren, aber für diese mit Situationskomik gefüllten 77 Minuten folgt man dieser immer ein bisschen genervt dreinblickenden Antiheldin äusserst gerne.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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