Shirley (2020)

Shirley (2020)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Schreibblockaden machen böse Menschen

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
Marriage Story.
Marriage Story. © 2018 LAMF Shirley Inc.

Der junge Doktorand Fred Nemser (Logan Lerman) und seine Ehefrau Rose (Odessa Young) reisen in ein kleines Städtchen in Vermont, wo er eine Stelle als Assistent des angesehenen Literaturkritikers und Collegeprofessors Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg) bekommen hat. Stanley bietet dem jungen Paar auch gleich an, dass sie bei ihm und seiner Frau wohnen können. Stanleys Frau ist die gefeierte Horrorautorin Shirley Jackson (Elisabeth Moss), welche jedoch unter einer Schreibblockade leidet und sich immer wieder unmöglich benimmt.

"Du bist definitiv nicht der Unsichtbare."
"Du bist definitiv nicht der Unsichtbare." © 2018 LAMF Shirley Inc.

Während Fred und Stanley während des Tages am College am Unterrichten sind, kümmert sich Rose um den Haushalt und auch um Shirley. Auch wenn die Beziehung zwischen den Frauen zuerst eher frostiger Natur ist, findet Shirley langsam Gefallen an der Haushaltshilfe und fühlt sich durch das kürzliche Verschwinden einer Studentin auch zu einem Buch inspiriert. Da die Autorin nur ungern das Haus verlässt, beginnt Rose für Shirley Nachforschungen über den echten Fall anzustellen.

Fair Warning: Im ungewöhnlichen Biopic Shirley wird eine ziemlich unausstehliche Person porträtiert. Der Film nutzt eine fiktive Story, um die Psyche von Shirley Jackson (eine grandiose Elisabeth Moss) zu zeigen, die mit ihren Gruselgeschichten heute zu den bedeutendsten Autorinnen des Genres zählt. Diese Herangehensweise in Kombination mit einer fast traumwandlerischen Inszenierung macht dieses Psychodrama recht faszinierend und in der momentanen Flut von Biopics durchaus erfrischend.

«Shirley Jackson, Shirley Jackson, da war doch vor kurzem was?!» Die Auflösung: Die Autorin schrieb unter anderem die Vorlage zur populären Netflix-Serie The Haunting of Hill House. Wer jetzt jedoch glaubt, dass Frau Jackson mit Shirley die Standard-Biopic-Behandlung bekommen hat, irrt gewaltig. Regisseurin Josephine Decker ist vielmehr am psychischen Zustand der Autorin interessiert, und so fühlt sich der leicht nervös machende Film selbst wie eine Art Psychose an.

Selbst wenn hier zwar eine Person im Zentrum steht, die real mal existiert hat, hat die Geschichte im Film nie stattgefunden. Sie ist Mittel zum Zweck, um eine selbstzerstörerische Person zu porträtieren, die mit ihrem Benehmen auch die Leute um sie herum herunterzuziehen droht. Eine Schreibblockade macht schlechte Laune, und das wird hier unmissverständlich klar gemacht und auch gleich noch doppelt und dreifach unterstrichen. Doch Shirley piesackt nicht alleine. Auch Ehemann Stanley hilft ordentlich dabei mit, um seinen Alltag etwas aufzupeppen. Zu sehen, ob die kleinen Manipulationen der beiden einen Effekt auf das junge Paar Nemser haben werden, macht einen Grossteil der Faszination dieses ungewöhnlichen Biopics aus.

Das ist gewiss nicht für alle. Mit Ausnahme der fast schon engelsgleichen Rose benehmen sich hier eigentlich ziemlich alle Charaktere wie die grössten Arschlöcher, und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind recht vergiftet. Zudem macht es die Inszenierung, bei der sich Realität und Traum immer mal wieder vermischen, nicht einfach, sich an etwas zu halten. Alles wirkt in Shirley in der Schwebe, was auf Dauer anstrengend sein kann.

Es liegt letzten Endes an den Hauptdarstellerinnen Odessa Young und Elisabeth Moss, die Zuschauer zu packen. Vor allem Letztere macht dies mit ihrer mehr als nur leicht wahnsinnigen Performance als Shirley Jackson grossartig. Auf Shirley muss man sich einlassen. Kann man das, erhält man ein das komplette Gegenteil eines Standard-Biopics - und das ist auch gut so.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Trailer Englisch, 01:52