Servants (2020)

Servants (2020)

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  2. 80 Minuten

Filmkritik: Klimpern auf der Klosterklaviatur

«Wer von uns ist nun auf der Leinwand?»
«Wer von uns ist nun auf der Leinwand?» © Xenix Filmdistribution GmbH

Juraj (Samuel Skyva) und Michal (Samuel Polakovič) treten 1980 in das theologische Seminar von Bratislava ein. Auf dem Weg zum Priestertum sehen sie sich strengen Tagesabläufen ausgesetzt, die nur von vorgeschriebenen Spaziergängen, Fussballspielen im Innenhof oder etwas Handorgelspiel aufgelockert werden. Zu dieser Strenge kommt der Druck der slowakischen kommunistischen Partei hinzu, die das Land mit harter Hand regiert - und damit auch nicht vor den geweihten Pforten halt macht.

Früh übt sich, wer ein Curlingspieler sein will.
Früh übt sich, wer ein Curlingspieler sein will. © Xenix Filmdistribution GmbH

Doch die katholische Kirche verweigert sich den staatlichen Methoden, weswegen sie immer stärker in den Fokus des Geheimdienstes und ihres ruchlosen Beamten Ivan Frantinek (Vlad Ivanov) rückt. Eines Tages schliesslich taucht ein Flugblatt der regimegegnerischen kirchlichen Untergrundbewegung am Schwarzen Brett auf und das Westdeutsche «Radio Free Europe» berichtet von der kirchlichen Zensur und Repression im Staat des Ostblocks. Es dauert nicht lange und der Geheimdienst hat auch Juraj im Blick.

Düster, sehr düster ist dieser sich beim Film noir bedienende Thriller, der sich eines düsteren Gegenstandes aus einer düsteren Epoche annimmt. Mit zwar homogenem und ziemlich abstraktem, ja fast schon überdurchdachtem Ausdruck klimpert Regisseur Ivan Ostrochovský auf der Klaviatur von Schwarz und Weiss. Das wird auf nahezu allen Ebenen ungemütlich - im positiven wie negativen Sinn.

Es kommt nicht weit, wer die Welt in Schwarz und Weiss trennt. Hier erst recht nicht, zumal das Weiss in diesem düsteren Streifen total schwarz erscheinen kann. Und obwohl kein bisschen Farbe in diesem Film zu sehen ist, dessen Bildsprache und Erzählung tief im Film noir wurzelt, steht hier nichts Schwarz auf Weiss. «Wir betrachten diese Geschichte als sehr relevant für die heutige Gesellschaft, in der Medien, politische Parteien, Prediger und intellektuelle Menschen mit Furcht und Unsicherheit Angst einjagen», meint Ostrochovský. Der Regisseur zeigt mit dem Zeigefinger voll drauf: Im kafkaesken Zwielicht von Servants scheint alles unsicher, ist jeder verdächtig.

Kein Wunder, wird man nicht warm mit den Figuren, die in tiefschwarzen Kutten durch die blendend weissen Gemäuer wandeln. In dieser Gefühlskälte scheint auch die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten nie wirklich überzeugend dargestellt; da hilft es auch nicht, dass man in dieser Vagheit ziemlich lange braucht, um einige Verständnislücken zu schliessen.

Zumal hier auch sehr wenig gesagt wird. Und das nicht erst, als den Seminaristen ein Schweigegebot aufgelegt wird - schliesslich sei doch «der direkteste Weg, mit dem Schöpfer zu reden, die Stille unseres Herzens». Die Stille muss man in der sich im klerikalen Rahmen entfaltenden Suspense aushalten können, auch wenn in diesem Thriller keineswegs die theologische Auseinandersetzung mit dem Glauben per se im Zentrum steht.

Ostrochovský geht es vielmehr um eine generelle Struktur, der sich freilich auch der Glaube bedient: «Wir sind alle Diener der einen oder anderen Ideologie. Wir stehen ständig unter dem Einfluss von einer mehr oder sichtbaren Macht - sei es nun Politik oder Religion, Reichtum oder Armut.» Am gescheiterten Laizismus vollführt Ostrochovský exemplarisch die soziopolitischen Mechanismen der Interessensbewirtschaftung. Gerade im christlichen Rahmen sei der Fokus sehr stark auf die Frage nach dem richtigen Handeln gewidmet. Deswegen habe der slowakische Regisseur diese Episode aus der heimatgeschichtlichen Mottenkiste hervorgeholt.

Die doch ziemlich sperrig vermittelte Aktualität erschliesst sich einem, gerade weil alles auf alt getrimmt ist, erst auf den zweiten Blick. Und das auch nur allmählich, denn in diesem wohl etwas verkopften Werk steht die Reibung auch gestalterisch im Vordergrund. Expressive Bildkompositionen zwischen Erstarrung und Bewegung sowie dräuende Dissonanzen sorgen sowohl im Zusammenspiel als auch alleine für permanentes Ungemach, das sich reibt wie Schwarz und Weiss, aber den Aufmerksamen eben auch etwas zu lesen gibt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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