Le sel des larmes (2020)

Le sel des larmes (2020)

  1. ,
  2. 100 Minuten

Filmkritik: Aller schlechten Dinge sind drei

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
«Bist du jetzt die erste, die zweite oder die dritte?»
«Bist du jetzt die erste, die zweite oder die dritte?» © G. Ferrandis 2019/RECTANGLE PRODUCTIONS CLOSE UP FILMS -ARTE FRANCE CINÉMA RTS RADIO TÉLÉVISION SUISSE

Luc (Logann Antuofermo) verlässt die französische Provinz, um in Paris an einer Aufnahmeprüfung teilzunehmen. Wie sein Vater (André Wilms) ist er Tischler von Beruf und möchte sich der Kunsttischler widmen. Auf der Suche nach dem richtigen Weg trifft er die junge Djemila (Oulaya Amamra), der er ordentlich den Kopf verdreht. Nach der Prüfung reist er zurück zu seinem Vater und lässt sie in Paris zurück.

Später, während der Ausführung eines Auftrags, trifft er seine Ex-Freundin Geneviève (Louise Chevillotte), die sich seinerzeit nur schwer von ihm trennen konnte, ja sie hängt noch immer sehr an ihm. Luc beginnt eine Romanze mit ihr, doch als die Zusage für seine Ausbildung kommt, lässt er sie für seinen grossen Traum zurück. Er lebt in einer kleinen Studentenbude, hat viele Freunde und Spass an der Ausbildung. Dann lernt er Betsy (Souheila Yacoub) kennen, die schnell bei ihm einzieht. Neben all diesen Eskapaden kann er stets auf die Unterstützung seines Vaters zählen, der sich für Luc nur das Beste wünscht.

Das in Schwarz-Weiss gedrehte Drama des Regisseurs Philippe Garrel erzählt die Geschichte des Studenten Luc, seiner Romanzen und Beziehungen in stereotypen, unmodernen Geschlechterbildern. Hier läuft, was die Story angeht, vieles zu schnell und undifferenziert ab. Getoppt wird das von einem extrem gefühlskalten Hauptprotagonisten, mit dem man als Zuschauer überhaupt nicht warm wird.

Für viele ist es unangenehm, wenn einen fremde Menschen auf der Strasse ansprechen. Doch wenn es nur um eine Wegbeschreibung geht, ist man gerne behilflich. Weicht der Fremde dann aber nicht mehr von der Seite, ja läuft einem hinterher und bittet schlussendlich noch um ein Date, dann kann das schon mal beängstigend werden. Djemila ist nur eines von Lucs vielen Opfern, die er mit dieser Masche zu gewinnen versucht.

Dabei geht alles zu schnell und zu leicht vonstatten: Obwohl sie die Situation überfordert, geht Djemila couragiert mit ihr um und es ist doch sehr erstaunlich, wie rasant aus einem Quäntchen Abenteuerlust Liebe und Sehnsucht wachsen. Die französisch-schweizerische Produktion Le sel des larmes nimmt es sich gerade hier zu einfach. Das Mädchen ist jung, es fühlt sich geschmeichelt umworben zu werden, doch sich so arglos auf einen Fremden einzulassen, kann einfach nicht gut gehen! Schnell wird auch deutlich, wie kalt und emotionslos Luc mit ihr umgeht. Sex will sie nicht, also kann er sie wieder nach Hause bringen.

Auch Luc ist sehr eindimensional gezeichnet: Sein umwerbendes Verhalten in der alten Heimat ist ihm zwar irgendwie unangenehm, lange Gedanken verschwendet er darauf aber nicht mehr, sobald er die nächste potentielle Beute ins Visier nimmt. So sieht er in seiner Ex-Freundin eine gelungene Abwechslung, aber damit hat es sich dann auch schon. Sobald ihm jemand interessanter erscheint, lässt er seine Jugendliebe, die ihm völlig verfallen ist, links liegen - und setzt ein weiteres Häkchen auf seiner Liste. Wichtig scheint es ihm, sein grosses Ziel des Kunststudiums zu erreichen. Oder will er damit nur den unerfüllten Jugendwunsch seines Vaters kompensieren? Antworten sucht man vergeblich.

Luc kann man nicht gern haben. Er ist unangenehm, gefühlskalt, oberflächlich und egoistisch. Wie er mit Frauen umgeht, lässt einen nur den Kopf schütteln. Aber auch gestalterisch ist Philippe Garrels Film schwierig. Handwerklich zwar einwandfrei, legt dieser Film ein verqueres Frauenbild offen. Warum sind es nur die Frauen, die splitternackt präsentiert werden und zu Emotionen fähig sind? Hat Regisseur Garrel etwa tatsächlich dieses Frauenbild? Sind auch für ihn Frauen nur als Objekte interessant? Liebe und Gefühl sucht man in diesem Film vergeblich. Die Tränen, die Luc zum Ende des Films überraschend weint, kann man ihm daher leider genauso wenig abnehmen, wie seine angebliche Zuneigung zu den Frauen.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

  1. Artikel
  2. Profil