Schwesterlein (2020)

Schwesterlein (2020)

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  2. 99 Minuten

Filmkritik: Geschwisterliebe

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
"Ja, ich trage das freiwillig. Wieso meinst du?"
"Ja, ich trage das freiwillig. Wieso meinst du?" © Praesens Film

Lisa (Nina Hoss) hat als Theaterautorin viele erfolgreiche Stücke für Berliner Bühnen geschrieben. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern in der Schweiz, weil ihr Mann (Jens Albinus) dort als Direktor einer Schule arbeitet. Ihr Zwillingsbruder Sven (Lars Eichinger) ist erfolgreicher Schauspieler an der Berliner Schaubühne und schwer an Krebs erkrankt.

Schwesterlein & Brüderlein
Schwesterlein & Brüderlein © Praesens Film

Lange hat er nicht mehr auf der Bühne gestanden, in seiner Lieblingsrolle des Hamlet. Lisa nimmt die schwere Diagnose ihres Bruders nicht hin. Sie reist nach Berlin, spendet Blut, kümmert sich aufopferungsvoll um ihn. Svens Zustand verschlechtert sich jedoch zunehmend, die Mutter ist keine Hilfe, Lisa steht alleine da. Sie nimmt Sven mit zu ihrer Familie in die Schweiz, die Luftveränderung und Ruhe soll ihm helfen. Auch neue Behandlungsmethoden versprechen eine mögliche Besserung. Während die Geschwister immer mehr zusammenwachsen, vernachlässigt Lisa ihre Familie und ihre Ehe.

Schwesterlein ist ein berührender Film, der durch das intensive Spiel der beiden Hauptdarsteller lebt. Die Schweizer Produktion mit Nina Hoss und Lars Eidinger ist eine Geschichte, die völlig normal und alltäglich wirkt, ohne Kitsch oder aufgesetztes Drama, bewegend und emotional. Das geht ans Herz und ist wunderbar gespielt - eine moderne Umsetzung von Hänsel und Gretel.

Keine Sorge, bei Schwesterlein handelt es sich nicht um ein kitschiges Krankenhausmelodram im Vorabendserienformat. Auch wenn die Krankheit, der Krebs, hier immer präsent ist, ist an der Geschichte nichts einseitig, langweilig oder als klassisches Drama angelegt. Vielmehr geht es um Vernunft, Unterstützung, Liebe, den Kampf ums Leben und ums Loslassen.

Der Film ist eine Schweizer Produktion der beiden Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Raymond, beides Theaterschauspielerinnen, die gemeinsam auch hiner der Kamera stehen. Schwesterlein ist quasi ein Blick auf das eigene Arbeitsumfeld und auch auf das fast aller mitspielender Darsteller. Nina Hoss und Lars Eidinger spielen und spielten selbst an der Schaubühne in Berlin, und Thomas Ostermaier spielt sich quasi selbst als Theaterintendanten. Hoss wechselt hier zur Bühnenautorin, die bis zu Svens Diagnose Stücke für ihn geschrieben hat. Seitdem hat sie eine kreative Blockade, ist mit den Sorgen und dem Kummer um ihren Bruder zu belastet. Sie opfert sich für ihn auf, ganz im Gegensatz zur gemeinsamen Mutter, eine grossartig aufspielende Marthe Keller als unsympathische und überforderte Frau.

Der Film lebt ansonsten vor allem durch das Zusammenspiel von Hoss und Eidinger, das an Intensität immer mehr zunimmt. Das sie Geschwister sind, dass nimmt man ihnen sofort ab. Aber auch Jens Albinus als Lisas Ehemann ist präsent wenn er um seine Ehe kämpft und leidet, während seine Frau nur noch mit dem Bruder beschäftigt ist.

Vieles wird in diesem Drama durch Gesten und Mimik präsentiert, und eine der schönsten Szenen, fast ohne Worte, findet sich zum Ende des Films. Da setzt sich die Schwester hin, um ihrem Bruder einen Monolog zu schreiben, ihm ein neues Ziel in die Hand zu geben. Der Bruder lächelt und weiss genau wie die Zuschauer, dass er diesen Monolog nicht mehr halten wird. Seine Krankheit hat auf bizarre Art einen Sinn, denn sie führt seine Schwester letztlich aus der Krise und bringt sie wieder zum Schreiben. Eine letzte, liebevolle Geste, ein Dankeschön an seine Schwester.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Trailer Deutsch, 02:15