Schlaf (2020)

Schlaf (2020)

  1. 102 Minuten

Filmkritik: Dreamcatcher

NIFFF 2020
© NIFFF

Marlene (Sandra Hüller) kann nicht schlafen. Trotz einer Medikamentensammlung wie die einer Apotheke wird die Stewardess jede Nacht von Alpträumen geplagt. Ein Hotel in den Bergen, ein finsterer Wald und mysteriöse Selbstmorde suchen sie heim. Auf eigene Faust und ohne das Wissen ihrer Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) reist Marlene ins deutsche Mittelgebirge. Dort soll sich das Hotel Sonnenhügel aus ihren Träumen befinden. Doch schon die erste Nacht im Hotel endet für Marlene im Krankenhaus.

Auf der Suche nach der Ursache für den Zustand ihrer Mutter erkundet Mona die idyllische Kleinstadt. Die Hotelbesitzer Otto (August Schmölzer) und Lore (Marion Kracht) geben sich dabei äusserst hilfsbereit, doch etwas stimmt nicht in Stainbach. Als einziger Gast durchstreift Mona das Hotel und stösst dabei auf die Geschichte um die Selbstmorde in der Gegend. Und plötzlich wird auch sie in ihren Schlaf von unheimlichen Gestalten heimgesucht.

Ein abgelegener Ort, seltsame Menschen und eine dunkle Vergangenheit. Deutschlands Gebirge sind der ideale Ort für einen Mysteryfilm. Schritt für Schritt enthüllt der Zuschauer zusammen mit der Hauptfigur das Geheimnis von Stainbach. Die Grenzen zwischen Traum und Realität sind dabei fliessend. Schlaf ist spannend inszeniert, überzeugend gespielt und glänzt mit seinen Elementen aus dem Heimatfilm.

Im beschaulichen Stainsbach träumt man von alten Zeiten und hat grosse Pläne für die Zukunft. Noch ist das Hotel Sonnenhügel nur während der Urlaubssaison gut besucht, aber das soll sich bald ändern. Vom Machtgefälle her ist Hotelbesitzer Otto bereits der erste Bürger der Kleinstadt, aber auch das Amt des Bürgermeisters könne er sich gut vorstellen. Stainsbach ist einer dieser Orte, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Traditionen sind wichtig, jeder kennt jeden und zur Begrüssung gibt es erst mal ein Bier. Die tristen Einrichtungen und die überzeugenden Darsteller tun ihr Übriges, um die deutsche Kleinstadt lebendig werden zu lassen.

Marlene hat ein anderes Bild von Stainsbach. Bleistiftskizzen vom Hoteleingang, einer Bestie im Flur und toten Menschen stapeln sich neben ihrem Bett. Und das, obwohl sie den Ort noch nie besucht hat. Ihre Alpträume wiederholen sich, bauen aufeinander auf, rufen sie. Die Realität beginnt für Marlene zu verschwinden. Eine clevere Kamerabewegung genügt und schon landet sie vom Küchentisch im nächsten Alptraum. Selbst ein Augenaufschlag gibt keine Gewissheit über den Wachzustand und führt zur Suche nach Triggern und makaberen Scherzen über Selbstmord - Inception lässt grüssen.

In den Traumwelten ist nie klar, ob die Träumerin nur Zuschauerin oder schon Opfer ist. Eine POV-Einstellung von einem unbekannten Wesen lässt einen mit der Angst der Figur allein. Der unmittelbare Horror beschränkt sich auf die Figuren, Schockmomente für den Zuschauer bleiben aus. Aber vor allem durch die Geräuschkulisse wird eine unbehagliche Stimmung in Traum und Realität erzeugt.

Schlaf schafft es, die Spannung bis zur Enthüllung des Mysteriums hochzuhalten. Viele Kleinigkeiten wie ein Kinderlied oder ein Bett mit Fesseln werfen neue Fragen auf, ohne wirklich etwas zu enthüllen. Dagegen verlaufen Monas Interaktionen mit den jungen Menschen der Stadt etwas ins Leere. Allerdings endet ein gemeinsamer Karaokeabend in der surrealistischten Traumsequenz des Films. Körperverrenkungen als Tanzbewegungen und die grosse Dunkelheit erinnern an Genregrössen wie Under the Skin. Dies ist nur einer der Momente, in denen Hauptdarstellerin Gro Swantje Kohlhof zeigen kann, dass sie nicht zur schweigsam durch den fahlen Wald gehen kann.

Auch wenn sich die Figuren fragen, ob sie wach sind, so ist es für den Zuschauer in fast allen Fällen glasklar. Der Ortswechsel verrät die meisten der Träume und nur das Ende könnte tatsächlich auch aus einem Horrorfilm von Wes Craven stammen. Die entscheidende Figur hinter der Geschichte fehlt es etwas an Eigenständigkeit. Ihre Motivation ist zu sehr an das Geheimnis gebunden, um mehr Raum zu bekommen. Alles in allem ist Schlaf aber ein interessanter deutscher Genrefilm, der seine Herkunft gekonnt einsetzt.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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