Sami, Joe und ich (2020)

  1. 94 Minuten

Filmkritik: Publikumspreis Indie Schweiz

16. Zurich Film Festival 2020
So jung kommen wir nicht mehr zusammen.
So jung kommen wir nicht mehr zusammen. © Zurich Film Festival

Gemeinsam gehen sie durch dick und dünn: Die drei Freundinnen Leyla (Jana Sekuslova) , Sami (Anna Gadia) und Joe (Rabea Lüthi) sind unzertrennlich. Nach dem Schulabschluss stellt sich dann die grosse Frage für die drei: Wer bin ich und was will ich mit meiner Zukunft anstellen? Antworten haben die drei Powerfrauen mit Migrationshintergrund verschiedene. Leyla hat bereits eine Lehrstelle als Köchin. Der strenge Boss ist eigentlich das einzige Manko, ansonsten macht sie den Job gerne und auch das Verhältnis zu ihrem Vater ist seit dem Tod ihrer Mutter gestärkt.

Sami hingegen leidet unter ihrem strengen Vater, der Mutter und Tochter umherkommandiert, während der Sohn tun und lassen kann, was er will. Joe hat keine Lehrstelle und muss auf ihre kleinen Geschwister aufpassen, da ihre Mutter sich abrackern muss, um sich das Leben als Alleinerziehende leisten zu können. Als wären da nicht schon genug Probleme, widerfährt Joe etwas Furchtbares. Das traumatisierende Erlebnis ist so einschneidend, dass sie es auch vor ihren besten Freundinnen geheim halten möchte. Doch Sami und Leyla lassen nicht locker und wollen Joe auf alle Fälle zur Seite stehen, auch wenn sie dabei einiges riskieren.

Sami, Joe und ich ist ein sympathischer Film, der trotz seiner bestürzenden Momente auch Hoffnung zeigt. Der cool inszenierte, mit flotter Musik unterlegte Indie aus der Schweiz zeigt, dass wahre Freundschaft genauso wichtig ist wie ein stabiles, liebevolles Umfeld. Dass dieser Aspekt so gut funktioniert, ist den drei Jungdarstellerinnen in den Hauptrollen zu verdanken. Einzeln gesehen schimmert in ein paar Szenen ihre Unerfahrenheit noch etwas durch, doch als Trio verbindet sie eine natürliche Chemie, die fesselt, und man muss die Clique einfach gern haben. So ein Casting-Coup ist Gold wert.

Mit seinem «Academy»-Format im Seitenverhältnis 4:3 macht das Drama von Anfang einen Independent-Film-Eindruck. Dieses hippe Gimmick darf sich der Film aber auch leisten, da seine Figuren in dieser beinahe quadratischen Form etwas eingesperrter wirken, als dies im Breitbild der Fall gewesen wäre. Dies fasst ihre Lebenssituation gut bildlich zusammen. Es ist zwar wenig wahrscheinlich, dass der Film nächstes Jahr mit einem A24-Logo am Sundance-Festival aufgeführt wird, aber negativ auffallen oder aus der Reihe tanzen würde er nicht. Regisseurin Karin Heberlein zeigt im ganzen Film ein Flair für frische Inszenierung und fängt so zum Beispiel die Sommerabende besonders spürbar ein.

Während die drei 16-Jährigen ihrem gemeinsamen Umgang und ihrer Jugend Sprache natürlich und echt wirken, kann man dies von ein paar Nebenfiguren leider nicht behaupten. Eine ganz üble Karikatur ist zum Beispiel Leylas Küchenchef. Es ist zu hoffen, dass solche Berufsbildner in der Realität nicht auf Jugendliche losgelassen werden. Solche Überspitzungen trüben den Gesamteindruck hin und wieder, werden aber von der toll dargestellten zentralen Freundschaft wettgemacht. Hinzu kommt ein poppiger Soundtrack, der perfekt zum sommerlichen Setting passt.

Dass weitgehend auf Romanzen verzichtet wird, ist Heberlein hoch anzurechnen, da es über den Sommerflirt weiss Gott genug Filme gibt. Samis Handlungsstrang droht zwar dorthin zu führen, überrascht aber dann mit einem Richtungswechsel. Nicht zuletzt wegen des harten Schicksals, das Joe im Film durchmachen muss, ist Sami, Joe und ich über Strecken kein erbaulicher Film. Dank seiner Machart kippt er trotzdem nie ins Depro-Kino rüber, sondern rührt am Schluss mit der Erkenntnis, wie wichtig Freundschaft ist. Und dies in jedem Alter.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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