The Hater - Sala samobójców. Hejter (2020)

The Hater - Sala samobójców. Hejter (2020)

  1. ,
  2. 135 Minuten

Filmkritik: Die Kunst des Online-Krieges

2. OutNow Film Festival 2021
Auf der richtigen Frequenz
Auf der richtigen Frequenz © Netflix

Für Tomasz (Maciej Musialowski) bricht eine Welt zusammen, als er wegen einer Plagiatsarbeit vom Jurastudium an der Universität Warschau suspendiert wird. Weil er sich dafür schämt, verschweigt er sein Scheitern gar der nahestehenden wohlhabenden Familie Krasucki, die er seit seiner Kindheit kennt und die ihn finanziell unterstützt. Tomasz findet grossen Gefallen an deren Tochter Gabi (Vanessa Aleksander) und kontaktiert sie regelmässig via Social Media. Er drängt darauf, sie öfters zu treffen, und weil er ihr imponieren will, beschafft sich Tomasz eine schöne neue Wohnung. Um diese längerfristig zu behalten, braucht er dringend ein regelmässiges Einkommen.

Beruf: Online-Kriegsstratege
Beruf: Online-Kriegsstratege © Netflix

Er bewirbt sich für diverse Praktika und wird bei einer renommierten PR-Agentur fündig. Seine Chefin beauftragt ihn mit diversen Online-Hetzkampagnen, wobei Tomasz in seiner Funktion richtig aufblüht. Die Inspiration für ein möglichst effizientes Handeln holt Tomasz aus Sun Tzus Buch «Die Kunst des Krieges». Als er in einen politisch brisanten Auftrag involviert wird und gegen einen Kandidaten für den nächsten Bürgermeister von Warschau vorgehen muss, schreckt er vor keinem Mittel mehr zurück, um sein Ziel zu erreichen.

Neben dem starken Influencer-Drama Sweat präsentiert das zeitgenössische polnische Filmschaffen gleich eine weitere Filmperle, die sich der Macht der sozialen Medien widmet. Jan Komasas Thriller The Hater trifft den Nerv der Zeit verblüffend gut und erzählt eine fast schon unheimlich authentische Geschichte. Sein Protagonist entwickelt sich zu einem manipulativen, skrupellosen Monster, für dessen Entstehung die Gesellschaft Mitverantwortung trägt. Selten ist die Hauptfigur eines Filmes so faszinierend und zugleich so abstossend. Und selten ist ein Film in vielerlei Hinsicht so originell.

Bereits in Suicide Room hat sich der polnische Regisseur Jan Komasa mit dem Einfluss der sozialen Medien auf die Gesellschaft befasst. Der Film handelt von einem Teenager, der zum Cybermobbing-Opfer wird, nachdem er beim «Wahrheit oder Pflicht»-Spiel einen anderen Jungen küsst und ein Foto davon im Internet kursiert. Er findet daraufhin Zuflucht in der virtuellen Welt und vernachlässigt das reale Leben zunehmend. Komasas neustes Werk The Hater knüpft an diese Themen an, wechselt jedoch die Perspektive des Protagonisten, indem er diesen zum Absender von Cyberattacken werden lässt.

Die Art und Weise, wie sich Tomasz zu einer solch manipulativen Person entwickelt, wird in der Erzählung spannend und clever aufgezeigt und lässt ihn zumindest nicht als alleinigen Täter dastehen, sondern auch als Geschöpf, welches sein Umfeld und die ganze Gesellschaft erschaffen hat. Dies rechtfertigt zwar keineswegs seine grausamen, hinterhältigen Taten, jedoch werden sie in gewisser Weise nachvollziehbar. Damit wirkt die Hauptfigur auf die Zuschauer zwar abscheulich, löst jedoch aufgrund ihres Werdegangs zugleich eine Faszination und Mitleid aus. Einen solchen Effekt erzielen nur wenige Filme, darunter beispielsweise Todd Philips Meisterwerk Joker oder die Klassiker Taxi Driver von Scorsese und A Clockwork Orange von Kubrick.

Und dieser Effekt ist auch Hauptdarsteller Maciej Musialowski zu verdanken, dem es auf grandiose Weise gelingt, mit seiner Mimik abwechselnd ein bemitleidenswertes Unschuldslamm und einen wahnsinnigen, hasserfüllten Soziopathen darzustellen.

Bei den Vorgehensweisen von Tomasz‘ Hetzkampagnen kennt Komasa keine Grenzen und lässt seiner Kreativität freien Lauf. Beginnend mit simplen Hasskommentaren auf den sozialen Netzwerken und Stalking, entwickelt sich Tomasz im Verlaufe des Films regelrecht zum ultimativen Superspion, der mit Abhörmethoden arbeitet oder sich selbst im Lager des Feindes einnistet, indem er sich als Verbündeter verkauft. Mit einem seiner manipulierten Opfer kommuniziert er gar in einem Online-Game. In animierter Form bringt er sein Gegenüber dazu, Aufträge für ihn zu auszuführen, indem sich Tomasz als politisch Gleichgesinnter vom rechten Flügel ausgibt. Seine Methoden werden zunehmend skrupelloser und bösartiger, bis er sich zu einer dämonischen Figur ohne jegliche Gewissensbisse entwickelt.

Dass Jan Komasa neben der Gesellschaftskritik und dem Verweis auf die Gefahren der sozialen Medien auch politisch brisante Aspekte aufgreift, ist umso mutiger und beachtenswerter. Dabei macht er einserseits auf das Problem der wachsenden rechtsradikalen Szene Polens aufmerksam, kritisiert aber auch den versnobten Teil der Linken dafür, dass sie die ärmeren Leute aus den ländlichen Regionen verspotten, zu denen auch Tomasz gehört.

Obwohl Komasa unheimlich viel in seine Geschichte packt, hat jede Szene ihre Berechtigung. The Hater überzeugt auf jeder Ebene, auch visuell wird das Erzählte phänomenal unterstützt.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram