The Rossellinis (2020)

The Rossellinis (2020)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Eine schrecklich verzweigte Familie

52. Visions du Réel 2021
«Jemand sollte die Wurst vom Grill holen.»
«Jemand sollte die Wurst vom Grill holen.» © Visions du Réel 2021

Der Grossvater war ein Meisterregisseur. Die Tante ist ein Ex-Model und Filmstar. Er selbst ist inzwischen Mitte 50 und hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, in der er unter anderem mit Drogenproblemen kämpfte. Nun macht sich Alessandro Rossellini auf Spurensuche in seiner weitverzweigten Verwandtschaft, deren Mitglieder letztes Mal im Jahr 1977 zusammengekommen sind - beim Begräbnis des Grossvaters Roberto Rossellini, der für Filme wie Roma, città aperta oder Paisà weltweiten Ruhm erlangt hatte.

«Ich bin ein Star, holt mich hier raus!»
«Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» © Visions du Réel 2021

Der Regisseur hatte sechs leibliche Kinder sowie einen Adoptivsohn von drei verschiedenen Frauen - eine davon Hollywoodikone Ingrid Bergman, deren gemeinsame Tochter Isabella Rossellini selbst Topmodel und Hollywoodstar wurde. Alessandro selbst ist das Resultat einer Liaison von Renzo, Robertos Sohn aus erster Ehe, mit einer afroamerikanischen Tänzerin. Nacheinander besucht er nun seine Verwandten auf der ganzen Welt und versucht dabei herauszufinden, ob noch andere unter der von ihm an sich selbst diagnostizierten Krankheit der «Rosselinitis» leiden: einer Mischung an gestörtem moralischen Kompass und dem Hang zur Polygamie.

Die Familie kann man sich nicht aussuchen. The Rossellinis ist sozusagen die Verfilmung dieser Binsenweisheit. Wer nun eine knallharte und skandalträchtige «Abrechnung» erwartet, ist schief gewickelt - dafür ist Alessandro Rossellini viel zu gutmütig. Doch auf der persönlichen Ebene funktioniert der Film: Er zeigt Menschen, deren Leben in unterschiedlichem Ausmass vom Filmgeschäft geprägt wurde, und das nicht nur positiv. Ein manchmal etwas unbeholfen wirkender, aber nicht unsympathischer Blick ins Familienalbum.

Ein bisschen Mitleid hat man schon mit ihm, dem immer etwas treuherzig-traurig aus der Wäsche schauenden Alessandro Rossellini, der mit diesem Film die Dämonen seiner eigenen Vergangenheit aufarbeitet. Umgekehrt wird aber auch nie ganz klar, was nun besonders aussergewöhnlich ist an der Geschichte der Rossellini-Dynastie. Gewiss, der legendäre Grossvater Roberto war eine schillernde und dominante Figur. Mit dem Hang zur Polygamie und dem leicht verschobenen moralischen Kompass, den Alessandro als «Rosselinitis» diagnostiziert, sind der Meisterregisseur und dessen Nachkommen aber bestimmt nicht alleine in der Filmwelt.

Eigentlich sollte The Rossellinis «The Rossellini» heissen: Es ist ein «Hallo, hier bin ich!»-Ruf eines Mannes, der von dem Showbusiness-Glamour das Negative, jedoch kaum das Positive miterlebt hat. Er macht das mit einer tapsigen Gutmütigkeit, sodass ihm eigentlich niemand der Interviewten richtig böse sein kann. Ja, das Talent seines Grossvaters mag Alessandro Rossellini nur beschränkt geerbt haben, doch in zwischenmenschlichen Angelegenheiten ist er diesem wohl um einige Schritte voraus.

Spektakuläre Familiengeheimnisse kann er so zwar nicht lüften, fördert aber einige durchaus spannende Erkenntnisse zutage. Und rückt nicht nur seine berühmte Tante Isabella ins Rampenlicht, sondern auch einige weniger bekannte Persönlichkeiten aus dem Clan - wie beispielsweise deren Zwillingsschwester Ingrid. Die scheue Literaturwissenschaftlerin ist das pure Gegenteil ihrer Schwester und hat Spannendes zu erzählen. Ebenfalls ans Herz geht die Begegnung mit Alessandros bipolarer Mutter, die ein tristes Leben im Altersheim fristet. Auch sie ist eine Verliererin der Rossellini-Erfolgsgeschichte.

Und das ist das grösste Verdienst von Rossellinis Film: Er rückt den Fokus auf solche Nebenfiguren des Clansm, insbesondere auch auf sich selbst. Das wirkt zeitweilen etwas arg selbstbezogen. Mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, dass hier ein Mann nach Aufmerksamkeit heischt, die ihm vorher 50 Jahre lang verwehrt geblieben ist, mag man ihm das verzeihen. Mit seinem Film will er wohl auch ein wenig gegen die Gleichgültigkeit ankämpfen - in seiner Familie wie ausserhalb.

Der Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie fällt hingegen eher oberflächlich aus. Einige eingestreute Ausschnitte aus den Meisterwerken des Grossvaters wirken etwas beliebig hingekleckert. Für Filmfans ist The Rossellinis deshalb nur beschränkt interessant, dafür bietet der Film ein sympathisches und sehr menschliches Porträt einer Familie, bei der alles irgendwie ein bisschen anders ist, irgendwie aber auch doch nicht.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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