The Roads Not Taken (2020)

The Roads Not Taken (2020)

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  2. 85 Minuten

Filmkritik: Verlorene Realität

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
Eat, pray, sleep.
Eat, pray, sleep. © Adventure Pictures

Das Telefon klingelt, an die Wohnungstür wird geklopft, doch Leo (Javier Bardem) bleibt wie festgenagelt ohne Reaktion im Bett liegen. Als sene Tochter Molly (Elle Fanning) und die Haushaltshilfe in die Wohnung kommen, zeigt er kaum eine Regung. Leo ist dement, verwirrt und flüchtet sich immer wieder in Tagträume mit seiner ersten Frau Dolores (Salma Hayek) und in Halluzinationen. Er wohnt in einer einfachen New Yorker Wohnung, seine Tochter ist die Einzige, die sich um ihn kümmert. Molly geht mit ihm zum Zahnarzt und zum Augenarzt, fährt mit ihm per Taxi quer durch die Stadt.

Auch ein Besuch der Notaufnahme gehört dazu, nachdem Leo aus dem fahrenden Taxi flüchtet. Seine Exfrau Rita (Laura Linney) kommt hinzu und ist erstaunt, wie sehr sich Molly um ihren Vater kümmert. Molly liebevolle Pflege und Unterstützung fordert aber auch Tribut, denn sie verliert einen grossen Auftrag im Job. Sie weiss, dass sie so nicht mehr lange weitermachen kann und eine neue Lösung für ihren Vater finden muss.

The Roads not taken ist ein eindringliches Drama der britischen Regisseurin Sally Potter. Beruhend auf wahren Erlebnissen, schildert der Film die aufopferungsvolle Liebe einer Tochter zu ihrem an Demenz erkrankten Vater. Stück für Stück wird aus den Erinnerungen des Vaters ein Ganzes, wie ein Puzzle setzt sich sein Leben nach und nach zusammen. Ein liebevoll und berührend erzähltes Drama mit tollen Darstellern und einem stets aktuellen Themenbezug.

Erst zum Ende des Films, das kann ruhig gesagt werden, hat Leo einen Moment der Klarheit. Nachdem er einen ganzen Tag mit seiner Tochter verbracht hat, verwirrt und desorientiert, erkennt er sie nach 24 Stunden und nennt sie beim Namen. Das ist ungemein rührend und erschreckend furchtbar zugleich. Leider kann man sich sicher sein, dass dieser Moment nicht von Dauer ist, sich Leo wieder in sich zurückziehen wird. Doch zumindest für einen kleinen Moment sind Vater und Tochter glücklich.

In The Roads not taken verarbeitet Regisseurin Sally Potter selbst Erlebtes. Einst kümmerte sie sich zwei Jahre lang intensiv um ihren an Demenz erkrankten Bruder. Ihr Film hat also einen äusserst persönlichen Bezug, und das merkt man ihm auch an. Die Geschichte macht verschiedene Seiten deutlich. Rita, die Exfrau, hat sich aus Überforderung von ihrem Mann abgewandt, die Tochter Molly hängt dagegen an ihrem Vater.

Elle Fanning spielt eine extrem aufopferungsvolle und geduldige junge Frau, die ihren Vater sogar über die eigenen Ansprüche stellt. In den fast 24 Stunden, die sie mit ihm verbringt, wird ihr jedoch auch deutlich, dass sie nicht immer für ihn da sein kann und auch an sich selbst denken muss. Potters Film zeigt somit auch die Entwicklung einer jungen Frau, einen Zustand, der sie reifer und erwachsener werden lässt.

Javier Bardem zeigt einen erschreckend realistischen Leo, hilflos kindlich, in seiner eigenen Welt verborgen. Obwohl er sich so oft in seine Gedankenwelt zurückzieht, merkt man doch in jeder Minute, wie gut ihm die Nähe Mollys tut. Durch sie kommt er wieder etwas zur Ruhe, sei es beim Arzt oder auf den lauten Strassen New Yorks. Durch die Träume und Halluzinationen gibt der Film die Möglichkeit, Leo in seinem früheren Leben und auch in einem alternativen Wunschleben kennen zu lernen. Immer wieder wechseln sich Szenen mit seiner Frau Dolores in Mexiko ab, mit ihm als einsamem Schriftsteller auf einer griechischen Insel.

The Roads not taken führt in das Innere eines erwachsenen Mannes, erkundet verschiedene Leben, die er in sich trägt. Auf der anderen Seite macht er die Zerrissenheit deutlich, unter der eine junge Frau leidet. Eine Geschichte über die Liebe zu den Eltern, die harte Realität sowohl von Angehörigen als auch Erkrankten. Stets sanft, erschreckend, liebevoll, nachvollziehbar und hingebungsvoll erzählt.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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