Days - Rizi (2020)

Days - Rizi (2020)

  1. 127 Minuten

Filmkritik: Mit viel Ruhe durch den Film

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
«I'm sitting there in my boring room...»
«I'm sitting there in my boring room...» © Homegreen Films

Kang (Lee Kang-Sheng) lebt in einem grossen Haus. Minutenlang sitzt er in einem Ledersessel und starrt durch eine Glasscheibe hinaus in den Regen. Er leidet unter starken Rückenschmerzen, unterzieht sich einer Akupunktur und trägt eine Halskrause. Non (Anong Houngheuangsy) ist etwas jünger. Er lebt in einer kleinen Stadtwohnung in Bangkok und widmet sich mit viel Hingabe methodisch der Zubereitung traditioneller Speisen aus seiner Heimat. Nachts schläft er auf einer einfachen Matratze auf dem Boden.

Küchentisch-Philosophen
Küchentisch-Philosophen © Homegreen Films

Eines Tages treffen sie aufeinander. Kang hat in der Stadt ein Hotelzimmer gemietet. Non gibt ihm eine Ganzkörpermassage, mit Happy End. Zum Ende, kurz bevor sich beide wieder trennen, schenkt Kang dem Jüngeren eine Spieluhr. Minutenlang lauschen sie gemeinsam der Musik, «Terry's Theme» aus Charlie Chaplins Limelight. Nach einem schnellen gemeinsamen Imbiss trennen sich ihre Wege wieder und jeder kehrt zurück in sein Leben.

Rizi (Days) ist ein taiwanischer Spielfilm von Tsai Ming-liang. Er schildert die erotische Begegnung zweier einsamer Männer. Die Hauptrollen in der Low-Budget-Produktion, die fast ohne Dialog auskommt, spielen Lee Kang-sheng und Anong Houngheuangsy. In langen Einstellungen fängt der Film verschiedene alltägliche Erlebnisse der beiden Männer ein und fordert die Zuschauer dabei durch seine extreme Ruhe heraus. Eine reizvolle, die Sinne fordernde Erfahrung, mit viel Zärtlichkeit erzählt.

Eine gute Viertelstunde lang sehen wir einem jungen Mann beim Kochen zu. Er wäscht mit sehr viel Gründlichkeit sein Gemüse und den Fisch, mit grosser Aufmerksamkeit rührt er aus diversen Zutaten eine Sauce an. Er scheint in sehr einfachen Verhältnissen zu leben, es gibt kaum Einrichtung, er putzt sein Essen auf dem Badboden, fast scheint es, als würde er im Treppenhaus kochen.

Dieses minutenlange Verharren des Bildes, welches in einer Einstellung die zwei Protagonisten meist unabhängig voneinander bei alltäglichen Dingen darstellt, zieht sich durch den gesamten Film. Als Zuschauer ist man ganz nah dabei und hat ganz viel Zeit, alles in Ruhe wahrzunehmen. Es fehlt so gut wie jeglicher Dialog in diesem Film, einzig einige kurze, leise Worte werden gesprochen, die für die Geschichte aber bedeutungslos bleiben; der Film verzichtet auf Wunsch des Regisseurs auf jegliche Untertitel. Durch die minutenlangen Einstellungen entsteht zunächst ein Gefühl der Unruhe, der Langeweile. Doch es hilft, sich darauf einzulassen und selbst zur Ruhe zu kommen. Erst dann wird einem langsam bewusst, dass der Film gar nicht so ruhig ist wie gedacht.

Es gibt immer Hintergrundgeräusche, fahrende Autos, Fluglärm, plätscherndes Wasser. Aber vor allem gibt es viel zu entdecken, Dinge, auf die man sonst während eines Films mit Sprache vermutlich gar nicht so achten würde. Und so konzentriert sich das Auge auf kräftige Farben, auf das kochende Essen, auf Risse in der Wand, auf Falten im Gesicht der Protagonisten. Prasselnder Regen ist wie Entspannung für das Ohr. Sinne werden aktiviert und gefordert und alles ist plötzlich gar nicht mehr so still wie gedacht.

Versteckt in den langen Szenen liegt aber noch viel mehr, nämlich die Einsamkeit der beiden Männer, die tägliche Anonymität einer grossen Stadt. Viel geben die Figuren nicht von sich preis, aber doch genug, um sich ein Bild von ihrem Leben machen zu können. In dem kurzen intimen Moment, den beide miteinander haben, zeigt sich eine grosse Innigkeit und Freundlichkeit zueinander, eine zarte Geste, die beide kurzzeitig miteinander verbindet.

Days ist eine extrem fordernde Filmerfahrung, reduziert auf sehr viel Ruhe und fordert die eigenen Sinne heraus. Die verschiedenen Einstellungen zeigen Banales, Alltägliches und sind trotzdem sehr wuchtig. Das einsame Leben zweier Männer steht im Fokus, mit viel Liebe für kleine, unauffällige Bewegungen. Für die Zuschauer eine reizvolle Erfahrung, der nicht jeder gewachsen sein wird.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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