The Rhythm Section (2020)

The Rhythm Section (2020)

The Rhythm Section - Zeit der Rache
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Filmkritik: Nicht Nikita

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Eine Frau sieht rot
Eine Frau sieht rot © 2020 LEONINE DISTRIBUTION GMBH - ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

Nachdem ihre Eltern und Geschwister bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind, ist Stephanie Patrick (Blake Lively) völlig abgestürzt. Ihren Drogenkomsum finanziert sie durch Prostitution in einem heruntergekommenen Quartier in London. Bis eines Tages ein Journalist bei ihr auftaucht, der behauptet, der Absturz sei kein Unfall gewesen, sondern ein Terroranschlag. Obwohl sie zuerst nichts davon wissen will, übermannt sie dann das Bedürfnis nach Rache. Doch ihr Kontaktmann wird bald schon umgebracht.

«Alpha Uno von Alpha Due, bitte antworten!»
«Alpha Uno von Alpha Due, bitte antworten!» © 2020 LEONINE DISTRIBUTION GMBH - ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

Durch einen Hinweis in dessen Notizen macht sie sich auf den Weg in die schottischen Highlands und trifft auf den Ex-MI6-Agenten Iain Boyd (Jude Law), der dort ein zurückgezogenes Einsiedlerleben führt. Nach anfänglichem Zögern bildet er sie zur Killerin aus, die nicht nur den Attentäter, sondern auch dessen Hintermänner zur Strecke bringen soll. Auf ihrem Rachefeldzug, der sie unter anderem nach Marseille, Madrid und Tanger führt, verfängt sich Stephanie allerdings immer mehr in einem dichten Netz an Intrigen und Verschwörungen, wobei sie bald nicht mehr weiss, wer jetzt ihr Freund und wer ihr Feind ist.

Nikita auf Valium: The Rhythm Section ist nur ein müdes Abziehbild seiner besseren Genrekollegen. Blake Lively und Jude Law harmonieren mehr schlecht als recht, und das Drehbuch kommt eklatant fantasielos daher. Immerhin macht der Film optisch einigermassen eine anständige Falle, was nicht erstaunt, ist Regisseurin Reed Morano doch gelernte Kamerafrau. Ansonsten ist dieser als Agentenfilm verkleidete Rachethriller allerhöchstens Mittelmass.

Es ist ein erlauchter Kreis: Nur gerade sechs Filme hat die Produktionsfirma Eon Productions der Broccoli-Familie seit der Gründung 1961 nebst ihrem Markenzeichen, den James-Bond-Filmen, gedreht. Der neuste davon, The Rhythm Section ist an den US-Kinokassen mächtig gefloppt, worauf er nun hierzulande still und heimlich als Video-on-Demand anstatt im Kino veröffentlicht worden ist. Eine nachvollziehbare Entscheidung, vor allem weil die Verfilmung des Romans von Mark Burnell - der dafür auch das Drehbuch geschrieben hat - nun wirklich nicht gerade eine Genreperle geworden ist.

Dies zeigt sich bereits nach wenigen Minuten. Blake Lively ist als drogenabhängiges Wrack genauso wenig glaubwürdig wie später als eiskalte Killerin und wirkt über den gesamten Film hinweg völlig neben den Schuhen. Und die Geschichte zieht die Zuschauer überhaupt nicht in ihren Bann. Dies ist unter anderem der trägen Dramaturgie, den vorhersehbaren Wendungen und den konfus gezeichneten Charakteren geschuldet. Die Motivation von Jude Laws Figur wird nie ganz klar, genauso wenig wie jene der Figur von Sterling K. Brown, der ebenfalls durch den Film surft. Und die Protagonistin: Die will einfach Rache, so viel haben wir verstanden. Was sie ansonsten umtreibt, dafür interessiert sich der Film nicht weiter.

Mit ihren Kolleginnen von Nikita bis Hanna kann Blake Lively als Stephanie Patrick in keiner Sekunde mithalten - und auch nicht mit Charlize Therons Lorraine aus Atomic Blonde, einem anderen Frau-mit-Knarre-Streifen. Alles Filme, die auch nicht perfekt sind. Aber zumindest liessen diese einen nicht kalt. The Rhythm Section löst in seiner behäbigen Machart vör allem eins aus: Gleichgültigkeit.

Im besten Falle hätte der Film von Reed Morano ein spannendes Verwirr- und Intrigenspiel werden können. Doch mit solch grobschlächtig gezeichneten Figuren und einer derart fantasielosen Storyline ist leider nur ein - trotz einiger passabler Actionszenen - durchschnittlicher Rachethriller herausgekommen, der sich intelligenter gibt, als er ist. Mit seinem erstaunlich langsamen Erzähltempo wirkt er zudem seltsam schläfrig. Den Vogel schiesst schliesslich der überhastete und unmotivierte Schluss ab.

Wenigstens sind die Locations schön gefilmt. So haben sich die Produzenten wohl wieder daran erinnert, wie toll doch die schottischen Highlands in Skyfall zur Geltung kamen. Das hat für die Zuschauer auch etwas Trostreiches: Der nächste Bond kommt schon bald! Und dieser wird wohl kaum direkt auf Video-on-Demand verbannt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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