Promising Young Woman (2020)

Promising Young Woman (2020)

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  2. 113 Minuten

Filmkritik: Männer sind Schweine

Leichte Beute?
Leichte Beute? © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Jede Woche lässt sich Cassandra (Carey Mulligan) in einem Club volllaufen. Jedes Mal gibt es da auch einen netten Typen, der sich um die volltrunkene junge Frau kümmern will und sie mit nach Hause nimmt. In Wahrheit spielt Cassandra jedoch nur die Betrunkene, denn sie hat es genau auf solche «netten Typen» abgesehen. Sobald sich diese an der vermeintlich hilflosen neuen Bekanntschaft vergreifen wollen, dreht sie den Spiess um, lässt die nichts ahnenden Männer dafür bezahlen.

«Der Doktor empfängt Sie gleich.»
«Der Doktor empfängt Sie gleich.» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Einst war Cassie eine vielversprechende Medizinstudentin, bis ein traumatisches Ereignis sie dazu veranlasste, ihr Studium hinzuschmeissen. Nun wohnt sie wieder bei ihren Eltern (Jennifer Coolidge und Clancy Brown), arbeitet ohne jegliche Ambitionen in einem Coffee Shop und führt sorgsam Buch über ihre nächtlichen Racheakte. Erst als ihr der frühere Mitstudent Ryan (Bo Burnham) wiederbegegnet, beginnt sie sich allmählich für etwas anderes zu interessieren. Von ihm erfährt sie auch, dass ein alter Bekannter bald heiraten wird, der ganz oben auf ihrer Racheliste steht.

Emerald Fennells Regiedebut ist nur vordergründig eine Neuinterpretation des Rape-Revenge-Thrillers, in dem die grandios aufspielende Carey Mulligan als Femme Fatale der übergriffigen Männerwelt an den Kragen will. Rache und vor allem Gewalt sind aber eigentlich bloss Nebenschauplätze in einem Film, der sexuelle Gewalt gegen Frauen anprangert und die Machtlosigkeit der Betroffenen greifbar macht, ohne die traumatischen Erlebnisse bildlich darstellen zu müssen. Promising Young Woman ist ein tief bewegendes Thriller-Drama um Trauma, Trauer und Verlust und schon allein aufgrund seiner Kompromisslosigkeit ein absolutes Must-See.

Nicht erst seit der #Metoo-Bewegung ist bekannt, dass eine hohe Prozentzahl von Frauen sexuelle Übergriffe erleiden muss. Die vergleichsweise wenigen Fälle, die vor Gericht landen, enden selten mit einem «gerechten» Urteil, da häufig Beweise fehlen oder den Anklägerinnen auch im nahen Umfeld nicht geglaubt wird. Der Filmtitel Promising Young Woman bezieht sich dabei nicht nur auf die Protagonistin Cassandra und ihre Freundin Nina, deren beider Leben (in unterschiedlicher Weise) durch eine Vergewaltigung zerstört wurde. Der Titel erinnert gleichzeitig an die Bezeichnung «promising young man», mit dem Täter gerne beschrieben werden, deren Zukunft doch nicht durch einen einzigen «Ausrutscher» zerstört werden könne. Nicht zufällig sind auch im Film nicht die schmierigen «Sexgrüsel» aus Boulevardschlagzeilen zu sehen, sondern die «nice guys», die Jedermanns von nebenan, die bei Gelegenheit aber eben doch über wehrlose Frauen herfallen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Emerald Fennell (als Schauspielerin war sie u. a. als Camilla Parker-Bowles in The Crown zu sehen) fasst hier somit ein heisses Eisen an. Der Vergleich mit anderen Rape-Revenge-Filmen fällt trotzdem schwer, nicht zuletzt da der Film nahezu ohne On-Screen-Gewalt auskommt. Was Cassie mit den Männern macht, bleibt weitgehend unserer Fantasie überlassen. Die Kontroverse, die es im Vorfeld über den Film gab, ist deshalb eher ein Sturm im Wasserglas. Dass hier eine Frau auf dem Regiestuhl sass, wird zudem durch den besonderen Blick deutlich, werden doch immer wieder sorgfältig komponierte Bilder gezeigt, in denen Frauenkörper grundsätzlich nicht sexualisiert gezeigt werden.

Carey Mulligan begeistert in einer Rolle, die stets auf der Kippe zu sein scheint. Äusserlich fast immer unterkühlt und ohne grosse Regungen, brodelt es unter der Oberfläche von Cassandra, die nach Rache dürstet, für die es fast wie eine Droge ist, Männern aufzulauern und ihnen gehörig Angst zu machen. Gleichzeitig gibt es da noch einen Funken Hoffnung auf ein normales Leben, der durch die Begegnung mit Ryan (einnehmend gespielt von Comedian Bo Burnham) entfacht wird. So entsteht ganz allmählich eine zarte Liebesgeschichte, die sich unerwartet zwischen die Rachegelüste und -akte quetscht und sich sogar fast ein bisschen nach RomCom anfühlt.

Im Grunde ist es fast schon überraschend, dass Promising Young Woman trotz der provokativen Grundidee ein erstaunlich feinfühliges und bewegendes Drama geworden ist. Mulligan schafft es, mit ihrer vielschichtigen Darstellung eine faszinierende, gebrochene Figur auf die Leinwand zu bringen, die auch ohne viele Worte ihre tiefsitzende Wut, Verlustgefühle und Trauer vermitteln kann. Gleichermassen überzeugt sie aber auch als kalkulierender Vamp, der minutiös vorausplant und seine Mitmenschen wie Schachfiguren herumschiebt. Mit einer Kompromisslosigkeit, die ihresgleichen sucht, ist Fennells vielfach ausgezeichnetes Filmdebut ein echtes Highlight nicht nur dieses Filmjahres.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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