Platzspitzbaby (2020)

Platzspitzbaby (2020)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Weder Hinderschi no Fürschi

Mach kein Seich, denn ich habe gerade Seich gemacht.
Mach kein Seich, denn ich habe gerade Seich gemacht.

1995: Nach der Auflösung der offenen Zürcher Drogenszene ziehen die elfjährige Mia (Luna Mwezi) und ihre Mutter Sandrine (Sarah Spale) in ein kleines Städtchen im Zürcher Oberland. Dort soll ein Neuanfang gestartet werden. Dies stellt sich aber als äusserst schwierig heraus, da Sandrine schwer drogenabhängig ist. So dauert es nicht lange, bis Sandrine auf alte Bekannte trifft und das Geld vom Sozialamt wieder für Drogen ausgibt.

Hundeelend
Hundeelend

Als einen hoffnungslosen Fall sieht Mia ihre Mutter jedoch nicht. Mia beginnt von einem Inselurlaub zu träumen und davon, wie alles gut wird. Immer mehr flüchtet sie sich dabei in eine Fantasiewelt, in der sie mit ihrem imaginären Musiker-Freund Buddy (Delio Malär) den Beach-Boys-Hit "Sloop John B" singt. Während es zuhause immer mehr den Bach runter geht, findet Mia aber auch etwas Halt und eine Art Ersatzfamilie in einer Teenager-Gang. Doch kann es wirklich so weitergehen?

Die Bestseller-Verfilmung Platzspitzbaby funktioniert vor allem aufgrund der beiden Hauptdarstellerinnen Luna Mwezi und Sarah Spale auf der emotionalen Ebene. Auch zeichnet Regisseur Pierre Monnard ein realistisches Bild einer festgefahrenen Situation, die nicht immer einfach zum Ansehen ist. Die Alltagsflucht von Protagonistin Mia mit Hilfe eines bunt gekleideten Musikers ist jedoch übertrieben und es hätte dem Film gutgetan, darauf zu verzichten oder dies anders darzustellen. Ein Fehltritt in einem sonst mitreissenden und sehenswerten Schweizer Blockbuster.

Während viele Drogenstorys aus der Sicht von Süchtigen erzählt werden, hat es in den letzten Jahren ein paar Filme gegeben, welche einen Blick von aussen geboten haben. Man denke da an Ben is Back oder Beautiful Boy, wo die Eltern-Figuren von Julia Roberts und Steve Carell versuchten, um ihre drogenabhängigen Kinder zu kämpfen. In der Bestseller-Verfilmung Platzspitzbaby sind die Rollen nun jedoch vertauscht: ein Kind schaut mit grosser Besorgnis auf ihre Erzieherin und wie diese sich selbst immer mehr mit Drogen zerstört. So besitzt der Film eine spannende Ausgangslage, was ihm auch dank den tollen Darstellern über ein paar Fehltritte hinweghilft.

Den grössten Bock, den Platzspitzbaby schiesst, ist die Inkludierung eines bunt gekleideten imaginären Musiker-Freundes, welcher immer das gleiche Lied anstimmt. Die Macher wollten so Mias Flucht von der Realität visuell darstellen und zeigen, dass sie mit Hilfe von Musik ihren Alltagssorgen entfliehen kann. Doch der Kontrast ist zu heftig und droht den Zuschauer immer wieder aus der sonst eher düster gehaltenen und deprimierenden Geschichte zu werfen.

Mit grosser schauspielerischer Kraft zieht Luna Mwezi einen aber wieder hinein. Die Elfjährige setzte sich beim Casting gegen über 100 Mitbewerberinnen durch und mit ihr haben die Macher einen echten Glücksgriff getätigt. Mwezis Spiel ist nie theatralisch, sondern passt mit einer Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit perfekt zu ihrer Figur. Wie gut Mwezi ist, zeigt sich auch anhand der anderen Kinderdarsteller, welche im Vergleich dann deutlich abfallen. Zum Glück für den Film - und zum Pech für die Protagonistin - wird die meiste Zeit aber ohnehin mit Sarah Spales Raben-Mutter verbracht. Der Star aus der TV-Serie Wilder überzeugt und spielt die Höhen und Tiefen ihrer Drogensüchtigen beängstigend gut.

Eine weitere grosse Stärke des Filmes ist es, dass er nicht viel beschönigt und so zwischendurch kein leichtes Seherlebnis bietet. Es ist ohnehin kein leichter Stoff (no pun intended), aber zweifelsohne einer, welcher es schafft, das Thema Drogensucht sauber aufzuzeigen. So dürfte der Streifen auch für Schulklassen deutlich zugänglicher sein als die Höllenqualen in Darren Aronofskys Requiem for a Dream. Passend dazu wurde auch Schul- und Informationsmaterial produziert, welches auf der offiziellen Website zu finden ist.

Wenn man dem Film sonst noch was vorwerfen möchte, dann, dass er zwischendurch schon sehr repetitiv ist und es weder "Hinderschi no Fürschi" geht. Doch das ist durchaus beabsichtigt. Bei einem solchen Schicksal scheint vieles festgefahren, da hier die permanent rückfällige Süchtige bestimmt, was geht und was nicht. So besitzt der Film auch eine zermürbende Wirkung, was Platzspitzbaby letzten Endes auch so berührend macht.

/ crs