Pieces of a Woman (2020)

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  2. 126 Minuten

Filmkritik: Baby Blues in Boston

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Der Moment, als Vanessa Kirby erschreckt merkt, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.
Der Moment, als Vanessa Kirby erschreckt merkt, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. © Studio / Produzent

Sean (Shia LaBeouf) baut Brücken in Boston und freut sich auf die erste Tochter mit seiner Frau Martha (Vanessa Kirby). Das Paar ist trotz Standesunterschied - sie stammt aus reichem jüdischen Haus - sehr vertraut miteinander. Die Niederkunft soll zuhause stattfinden. Als die Wehen überraschend einsetzen, ist die fest eingeplante Hebamme nicht verfügbar. Ein Ersatz (Molly Parker) kommt vorbei und holt das Mädchen erfolgreich auf die Welt.

Doch schon kurz nach der Geburt setzt der Herzschlag des Kindes aus. Das Baby stirbt. Das Paar stürzt während der Verarbeitung der Trauer in eine Krise. Sean verfällt dem Alkohol und hat eine Affäre. Marthas Mutter (Ellen Burstyn) macht ihr heftige Vorwürfe. Die Hebamme soll vor Gericht gezerrt werden. Doch wird damit der Schmerz von Martha sein Ende finden?

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó (Jupiter's Moon) verleitet in seinem erstem englischsprachigen Film Vanessa Kirby zu einer Glanzleistung innerhalb einem sowieso schon starken Schauspieler-Ensembles. Zu reden geben wird daneben eine Entbindungsszene, die ganz ohne Schnitt auskommt und über 20 Minuten dauert. Wehen, wie man sie noch nie im Kino gesehen hat.

Pieces of a Woman spielt im Bostoner Winter. Die kalte Jahreszeit macht die traurige Geschichte noch unterkühlter. Immer wenn ein Datum eingeblendet wird, sieht man die Konstruktion einer Brücke über den Eisschollen im Hafen. Aus der Vogelperspektive schreitet der Bau voran. Das Eis schmilzt, während die Wochen vergehen bis zum Prozess gegen die Hebamme, der zwar medial gross begleitet wird, und eine sichere Sache zu sein scheint, wie die Anwältin immer wieder versichert. Aber geht es wirklich um Schuld?

Die Schlüsselszene von Pieces of a Woman ist eine Entbindung in 23-minütiger Echtzeit. Sie setzt noch vor der Einblendung des Titels ein, und dauert immer länger, bis man meinen könnte, der Film bestehe nur aus Pressen, Hecheln und gutem Zureden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir das Paar bereits kennen gelernt. Und trotz aller wachsender Anspannung über die unmissverständlichen Anzeichen einer Fehlgeburt eben auch gesehen, dass die Hebamme keine Schuld trifft.

Unter der Oberfläche des vermeintlichen Justizthrillers machen sich andere Probleme bemerkbar. Sean, der Brückenbauer, kennt die Probleme, die Schallwellen auf festen Strukturen haben können. Das Phänomen lässt sich auf die Familie im Film übertragen. Der Kindstod bringt kleine Risse zum Bersten. Es gab schon immer ein leichtes Misstrauen mütterlicherseits gegenüber dem grobschlächtigen Mann aus der Arbeiterklasse. Shia LaBoeuf spielt Sean als gischpeligen Simpel. Vanessa Kirby ist hingegen die Coole, die nach der Tragödie entrückt, und mit Milcheinschuss andere Kinder im Warenhaus beobachtet. Das gefestigte Paar zerfällt in seine Einzelteile.

Kirby meistert den One-Cut der Geburtsszene genauso bestechend wie die psychische Lädiertheit danach. Sie wehrt Ellen Burstyns perfide vorgetragenen Anfeindungen ebenbürtig ab. Erwähnt sei als dritte Darstellerin auch Netflix-Comedienne Iliza Shlesinger in einer ernst-fiesen Rolle als Marthas Schwester.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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