Paths of Life (2020)

Paths of Life (2020)

  1. 84 Minuten

Filmkritik: How to handle a crisis

Life is beautiful
Life is beautiful © Roses for you

Vier unterschiedliche Personen erzählen aus ihrem Leben. Drei von ihnen reflektieren, wie sie in ihrem Leben mit Lebenskrisen umgegangen sind, was diese bewirkt haben und wie sich ihre Existenz dadurch verändert hat. Darunter ist die Isländerin Sólveig Katrín Jónsdóttir, welche ihre an Schizophrenie leidende Schwester verloren hat, deshalb ihre internationale Modelkarriere beendet hat und zum Natur-Coach geworden ist.

Ebenfalls zu Wort kommen Marcus Pan aus Österreich, der seine Heimat hinter sich lassen musste, um in der Schweiz als Perma-Kultur-Gestalter ganz neu zu beginnen, und die amerikanische Kunst-Therapeutin Aviva Gold, welche eine Methode zur Verarbeitung von Krisen durch Kunst und Meditation ins Leben gerufen hat. Die vierte vorgestellte Person ist der deutsche Philosoph, Künstler und Therapeut Alexander Lauterwasser, der mit jugendlichen Drogenklienten arbeitet und für seine Wasser-Klangbilder bekannt geworden ist.

Wie gehen unterschiedliche Menschen mit schweren Lebenskrisen um? Was bewegt sie, welche Bewältigungsstrategien verfolgen sie? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Dokumentarfilm Paths Of Life des Ostschweizer Autodidaktik-Regisseurs Thomas Lüchinger. Ohne dabei in die Erzählungen der gezeigten Akteure einzugreifen, kommen die Menschen zu Wort und erzählen aus ihrem Leben. Leider erhalten die einzelnen Schicksale wenig Screentime, vieles wird nur angesprochen, obwohl das Publikum gerne mehr wissen würde.

Thomas Lüchingers Paths of Life folgt auf Being there, wo der Regisseur Menschen verschiedener Kulturen in ihrem letzten Lebensabschnitt kurz vor dem Tod begleitete. Nun befasst er sich ebenfalls mit intimen, persönlichen Themen des menschlichen Lebens und deren Auswirkungen auf die Entwicklung. Themen, die Menschen an den Rand ihrer Existenz bringen können, die viel bewirken können, die sie über Jahrzehnte und unter Umständen bis zu ihrem Tod begleiten werden: Lebenskrisen. Phasen im Leben, welche die betroffenen Personen stark und unweigerlich prägen, verändern und tiefe Narben hinterlassen.

Lüchinger legt den Fokus jedoch nicht auf die Krise als solche, sondern vielmehr auf den Umgang der Betroffenen mit ihr. Die Krisen werden zum allgemeinen Verständnis erläutert, nie aber ausgeschlachtet oder zur Sensation erhoben. Die betroffenen Personen erzählen nur so viel, wie sie erzählen mögen. Dies sorgt zu Beginn für Ratlosigkeit, es wird nicht sofort ersichtlich, welche Aspekte in den Vordergrund der Dokumentation rücken werden.

Und es bleibt eine essayistische Herangehensweise an das Thema Lebenskrise und Bewältigung, die den Ton in Paths of Life angibt. Die Akteure werden erzählend gelassen, ihre Lebensgeschichten bleiben dabei unbewertet und unkommentiert vom Filmemacher. Kein Nachfragen, keine genaueren Erläuterungen. Mit einem gemächlichen Erzähltempo folgt die Kamera den Menschen in ihrem Alltag, in die Natur, welche eine wesentliche Rolle für die Akteure einnimmt. Einzig in einer Situation kommt es zu einem konfrontativen Zusammentreffen von Aviva Gold mit ihrem Sohn, der ihr seine Wahrnehmung der Krise schildert und so für eine Multiperspektive sorgt.

Leider verfügen nicht alle Episoden über die gleiche Sogkraft auf die Zuschauer, nicht jedes Schicksal ist gleichermassen ergreifend und verständlich. Es hängt sehr von der Offenheit der Erzählung der Akteure ab. Nicht bei allen von ihnen erfolgt der Zugang zum Thema gleich flüssig, in einzelnen hat dies Irritation zur Folge. Der Erzählstrang um Alexander Lauterwasser fällt dabei etwas ab, seine Absichten und Handlungen erhalten zu wenig Explorationszeit, um wirklich verständlich zu werden.

In allen vier Episoden hätte man als Zuschauer gerne mehr erfahren, über den Fortlauf und die Entwicklung, welche auf die Krise folgte. So bleibt die Dokumentation sehr philosophisch, ja, gar etwas spirituell angehaucht. Als Zuschauer muss man durchaus gewillt sein, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen, sich treiben zu lassen in den Weltanschauungen der Akteure. Kann man dies, folgt ein verträumter Trip durch die menschliche Existenz mit all ihren Tiefpunkten und die Zeit danach.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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