Passion simple (2020)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Einfach liebficken

16. Zurich Film Festival 2020
«Hast du die Spinne?»
«Hast du die Spinne?» © Magali Bragard

Hélène (Laetitia Dosch) ist besessen. Besessen vom Verlangen nach ihrem russischen Liebhaber Aleksandr (Sergei Polunin). Sie gibt sich seinen Bedürfnissen hin, wartet auf seine Anrufe, geht beim Sex völlig in ihm auf. Immer etwas betäubt wirkend, wandelt sie durch die Strassen, sucht Orte und Momente, die ihr es ermöglichen, das Entflammen dieser Amour fou immer wieder aufs Neue zu durchleben. Egal ob im Kino, in der U-Bahn oder im Café, jede Sinnesregung wird von der Lust nach ihrem Lover überstrahlt.

Zu Hause kümmert sich die Schriftstellerin und Uni-Dozentin um ihren Sohn. Zumindest sollte sie das. Doch sie ist viel zu beschäftigt mit ihrem Lechzen nach Leidenschaft, ihren Phantasien und Erinnerungen an ihren Hengst, den verheirateten Konsulaten. Dieser eröffnet ihr schon bald, dass er für drei Wochen weg müsse, vielleicht auch länger. Da Hélène ihn nicht anrufen soll, bleibt ihr nichts anderes, als auf ihn zu hoffen, zu warten und an ihn zu denken.

Es sei schade, dass die Liebesfilme im Kino allesamt Männerphantasien seien, beklagt sich die Protagonistin ganz zu Beginn dieses Streifens. Als unprüder, offener Zuschauer horcht man auf und ist gespannt, welche Frauenphantasie hier somit ausgebreitet werden soll. Leider wird man gnadenlos enttäuscht, denn was Regisseurin Danielle Arbid auftischt, ist nicht etwa sensibel nachvollzogenes Passionspsychogramm, sondern bestenfalls Hauruck-Softporno zusammengekleistert mit Kitsch der üblen Sorte. Definitiv keine affaire à suivre.

«Fucking with you is so good», haucht er, der ach so animalische Verführer - und freilich Hélènes komplettes Gegenstück -, ihr nach dem Vögeln ins Ohr, während sein Heath-Ledger-Tattoo sie anblickt. Damit ist dann auch das Höchstmass an Tiefgang erreicht. In diesem Zelebrieren des Obszönen geht es nicht darum, Sex in allen Formen zu durchleben, sondern jede Form wird vom Sex verdrängt respektive penetriert und pervertiert. So ist immer klar, wohin das Ganze steuert.

Auf der Suche nach Spannung in dieser endlos schwachen Story folgt die Aufmerksamkeit der Zuschauer schliesslich eher den Fragen, warum sich da jemand nach dem Aufsuchen der Toilette die Hände nicht wäscht, warum Hélène im Diplomaten-Auto ungeniert filmen darf oder warum sie sich so wenig Konfitüre auf ihr Frühstücksbrot schmiert.

Ohne Inspiration und Entwicklungsmöglichkeiten reiht dieser Kitsch-Film Sexszenen aneinander, denen auch die Handlung - wenn man sie denn so nennen kann - völlig verpflichtet ist. Ausser ihrer Obsession lernt man keinen Aspekt der Protagonistin kennen und nimmt ihren Eskapismus daher auch komplett unberührt hin. Handlung und Figuren bekommen weder zur Entfaltung, überraschenden Entwicklung, Wandlung, oder Steigerung noch zu einer (auf)lösenden Transformation Raum geboten; alles dreht sich nur ums Ficken.

Darin gleicht der Film den seichten erotischen Kioskromanen, von denen er sich doch demonstrativ abheben will. Diesbezüglich liefert Passion Simple übrigens eine amüsante Selbstreferenz, als Hélène im Supermarkt nach einer solchen Ausgabe greift, sie durchblättert - und dann wieder weglegt. Wohlwissend, warum.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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