Onward (2020)

Onward (2020)

Onward - Keine halben Sachen
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  2. 102 Minuten

Filmkritik: Elfen beim Füsseln

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
«Peter Parker, bist du bereit für ein richtig krasses Abenteuer?!»
«Peter Parker, bist du bereit für ein richtig krasses Abenteuer?!» © Disney / Pixar

Früher gab es Magie in der Welt. Einst flogen Feen durch die Lüfte, grandiose Abenteuer mit mythischen Kreaturen warteten hinter jeder Ecke und Zauberer gingen den Fabelwesen mit ihrer Magie zur Hand. Doch längst hat die Technik Einzug gehalten und die modernen Elfen, Trolle, Zentauren und Drachen kennen den Zauber von damals nur noch aus Geschichten. So auch in der Stadt New Mushroomton, wo der schüchterne Elf Ian Lightfoot (Stimme: Tom Holland) mit seiner Mutter Laurel (Stimme: Julia Luis-Dreyfus) und seinem abgedrehten älteren Bruder Barley (Stimme: Chris Pratt) lebt.

«Nimm das, Harry Potter!»
«Nimm das, Harry Potter!» © Disney / Pixar

An Ians 16. Geburtstag erhalten die beiden Brüder ein Erbstück ihres verstorbenen Vaters: einen alten Zauberstab und einen besonderen Zauberspruch. Mit diesem hatte er gehofft, dereinst für einen einzigen Tag noch einmal ins Leben seiner Kinder zurückkehren zu können. Tatsächlich hat Ian sogar magisches Talent, doch die Umsetzung des Zaubers geht furchtbar schief: Von Papa Lightfoot erscheint nämlich nur die untere Körperhälfte. Nun bleiben Ian und Barley nur noch 24 Stunden Zeit, um den Zauber erneut durchzuführen und so ein bisschen Zeit mit ihrem Vater zu verbringen. Gemeinsam machen sie sich auf eine abenteuerliche Queste, bei der beide über sich selbst hinauswachsen.

Pixars Onward beginnt eher schwach mit einer auf Slapstick getrimmten Fabelwelt ohne besonders ausgeklügeltes Worldbuilding und einer Story, die ziemlich vorhersehbar scheint. Mit zunehmender Filmlaufzeit entwickelt sich der fantastische Roadtrip jedoch zum einnehmenden Abenteuer, bei dem vor allem die Emotionen zwischen den Brüdern voll ins Schwarze treffen. So entpuppt sich die vermeintliche Blödel-Ausfahrt zur berührenden Brüderqueste, die gegen Ende hin richtig ans Herz (und die Tränendrüsen!) geht.

Mit Tom Holland und Chris Pratt konnten Disney und Pixar gleich zwei der beliebtesten Marvel-Darsteller für ihren ungewöhnlichen Animationsfantasystreifen gewinnen. Die berühmten Stimmen - immerhin Spider-Man und Star-Lord! - bedeuteten einerseits, dass die Aufmerksamkeit des Blockbusterkinopublikums schon mal gesichert war. Andererseits liess die Wahl des Voice-Casts zusammen mit den ersten Bildern und Filmausschnitten eher auf Slapstick als auf ein packendes Fantasyabenteuer schliessen.

Wer nun vermutet, dass beide Darsteller stimmlich etwa da weiterfahren, wo sie in ihren Marvel-Filmen zuletzt zu sehen waren, hat sogar irgendwie recht. Dies ist aber gar nicht mal negativ zu verstehen; gerade Tom Hollands schüchterner Elf Ian entspricht so ziemlich dem braven Peter Parker ohne Superheldenmaske, und auch Chris Pratt darf als schräge Mischung aus Rollenspielnerd und historikversessenem Rocker seine üblichen Sprüche klopfen, ohne dass dies gross stören würde. Glücklicherweise belässt es der Film aber nicht dabei, diese bekannten Eigenschaften als simple Formel bis zum Schluss durchzuziehen.

Tatsächlich bietet die erste Filmhälfte etwa das, was aufgrund des Promomaterials zu erwarten war: zwei Brüder, die in einer leicht mit Fantasyelementen eingefärbten modernen Welt auf einen Roadtrip gehen. Hier sind auch die deutlichen Schwächen des Filmes zu finden, von den - gerade für einen Pixarfilm! - teils enttäuschend einfach designten Nebenfiguren über zahlreiche eher lauwarme Gags bis zum höchstens rudimentären Worldbuilding. Auch weil Hänger-Bruder Barley immer wieder die Antworten auf jedes nur mögliche magische Problem zu wissen scheint, läuft das Ganze anfangs länger etwas zu rund, um wirklich grosse Spannung aufzubauen.

Gibt man dem Animationsfilm jedoch eine Chance und übersteht diesen nicht ganz so inspirierten Einstieg, entpuppt sich Onward schliesslich als weitaus komplexer, als man zuerst hätte vermuten können. Dies ist vor allem der Figurendynamik der beiden ungleichen Brüder zu verdanken, die auf ihrem Trip in die Berge allmählich zueinander finden. Zwischen dem verschupften Ian, dem schrägen Barley und ihrem nur aus einem Unterleib bestehenden Vater entwickelt sich allmählich eine richtig schön abgerundete Story, die neben Abenteuer- und Actionsequenzen auch gut platzierte persönliche Momente einstreut. Und genau diese sind es, die zunehmend zu berühren wissen und vielleicht sogar das eine oder andere Tränchen beim Publikum hervorkitzeln dürften.

Onward mag etwas zu lange auf Slapstick und frechen Witz setzen, schafft aber spätestens in der letzten halben Stunde die unerwartete Wende zum «Gernhabefilm»: Wie der Titel andeutet, dreht er irgendwann richtig auf und kann so nicht nur als animierter Fantasyfilm Vollgas geben, sondern trifft besonders als Familiengeschichte mitten ins Herz. Typisch Pixar halt!

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Kommentare Total: 2

muri

Nett, aber nie und nimmer mit den Klassikern von Pixar (oder Disney) zu vergleichen. Es fehlt an Witz, Charme und, wenn wir grad dabei sind, auch Magie.

Die kreativen Ansätze sind da, die Grundausstattung ebenfalls, aber daraus gemacht wurde IMO viel zu wenig. In einer Welt voller versteckter (oder vergessener) Magie, muss doch die Leinwand brennen und nicht einfach nett lodern, wie hier...

pps

Filmkritik: Elfen beim Füsseln

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