One Night in Miami (2020)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Selbstreflexion der Legenden

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Hets no Bier für die legendäre Vier?
Hets no Bier für die legendäre Vier? © Studio / Produzent

Miami, 1964. Cassius Clay (Eli Goree), später besser bekannt als Muhammad Ali, hat soeben den Weltmeistertitel im Schwergewicht-Boxen gewonnen. Der Aktivist Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) lädt aus diesem Anlass Cassius sowie den Football-Helden Jim Brown (Aldis Hodge) und die Soul-Legende Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) in ein Hotelzimmer ein. Die prominenten Persönlichkeiten erwarten eine ausgelassene Party, doch abgesehen von einem Kübel Vanille-Eis ist der Kühlschrank leer und weitere Gäste sind auch keine anwesend.

Stattdessen beabsichtigt der Gastgeber, einen Abend der Reflexion zu vollbringen. Zunächst verkündet er, dass sich Cassius entschieden hat, zum Islam zu konvertieren. Darüber ist Malcolm als Gründer der Bürgerrechtsbewegung «Nation of Islam» sehr erfreut. Im weiteren Verlauf des Abends bittet er seine Gäste, sich zu überlegen, inwiefern sie ihre Position als Berühmtheiten nutzen können, um die Black Community zu unterstützen. Er fordert von ihnen, sich öffentlich gegen Rassismus auszusprechen und will sie davon überzeugen, sich seiner Organisation anzuschliessen. Für alle vier Anwesenden stellt der Abend einen wegweisenden Moment in ihrem Leben dar.

Mit One Night in Miami präsentiert Regina King ein bemerkenswertes Regiedebüt. Auf Grundlage des gleichnamigen Theaterstücks von Kemp Powers inszeniert sie ein spannendes und ergreifendes Drama, welches sich grösstenteils wie ein Kammerspiel in dem Hotelzimmer zuträgt. Die Debatten, die der sehr dialoglastige Film aufgreift, sind in der heutigen Zeit der «Black Lifes Matter»-Bewegung tragischerweise noch immer brandaktuell. Alle vier Darsteller, welche die Ikonen verkörpern, spielen ihre Rollen grossartig, wobei vor allem Kingsley Ben-Adir als Malcolm X begeistert.

Für ihre Rolle in Barry Jenkins‘ Drama If Beale Street Could Talk wurde die US-Amerikanerin Regina King vergangenes Jahr mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Nun versucht sich die erfolgreiche Schauspielerin ein erstes Mal auch als Regisseurin. Und mit ihrem Debüt ist ihr bereits ein beachtenswertes Werk gelungen. Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Kemp Powers, erzählt One Night in Miami von der Zusammenkunft vierer Ikonen, welche wegweisend für deren Entwicklung und für die Black-Power-Bewegung ist. Dieser lange Diskurs zwischen ihnen ist aus der Imagination des Theaterregisseurs entstanden und entspricht nicht der Wahrheit. Tatsächlich sind sich die vier an besagtem Abend jedoch begegnet. Und unabhängig von der Wahrheit ist die Idee für ein solches Ereignis genial.

Ihren Film inszeniert Regina King wie ein Kammerspiel. Bis auf die Eröffnungsszene, in welchen die vier Legenden kurz vorgestellt und in die Erzählung eingeführt werden, sowie eine Szene auf dem Dach des Hotels, spielt sich die gesamte Story in dem einen Zimmer des Hotels ab. Das Einengen dieser vier grossen Persönlichkeiten in dem kleinen Raum verschafft dem Film eine ungemeine Intensität und sorgt für umso mehr Spannungen zwischen den Figuren.

Weil der Film sehr dialoglastig ist, verlangt er von den Darstellern unglaublich viel ab, und alle vier erledigen einen vorzüglichen Job. Insbesondere Kingsley Ben-Adir spielt gross auf als enthusiastischer Malcolm X, der seine Ziele mit totaler Hingabe und aus voller Überzeugung verfolgt. In dem politischen Diskurs, den sie führen, werden auch weitere Themen aufgegriffen, welche Einfluss haben auf die öffentliche Darstellung und die Interessen der Black Community. Cassius Clays Konvertierung, Jim Browns Sport- und Filmkarriere sowie Sam Cookes musikalische Entwicklung sorgen allesamt für spannenden Gesprächsstoff.

Die Themen, die Regina King hier behandelt, sind in der heutigen Zeit leider noch immer brandaktuell. Mit «Black Lifes Matter» ist eine neue internationale Bewegung aktiv, die sich für die Rechte und Interessen der Black Community einsetzt. Und prominente Persönlichkeiten wie der Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton vertreten diese in der Öffentlichkeit, um ihr möglichst viel Aufmerksamkeit zu verschaffen. Er handelt genau so, wie Malcolm X es sich von seinen berühmten Gesprächspartnern in One Night in Miami wünscht. Und der Film ist auch als Weckruf an weitere Prominente zu verstehen, sich öffentlich für Gerechtigkeit stark zu machen.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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