Notturno (2020)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Licht ins Dunkel eines grenzenlosen Krieges

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Provisorische Wasserfälle.
Provisorische Wasserfälle. © Studio / Produzent

Im Grenzgebiet der Länder Syriens, dem Irak, Kurdistan und dem Libanon sind die kriegerischen Auseinandersetzungen abgeflacht. Die Menschen vor Ort finden sich mit der Situation mehr oder weniger gut ab. Witwen weinen. Traumatisierte Kinder zeichnen ihre Erinnerungen an die Schergen des Islamischen Staates. Soldatinnen der Peschmerga stehen weiterhin einsatzbereit zur Stelle.

Es gibt aber auch Hoffnungsvolles zu berichten. Vom Strassensänger, der wieder allmorgendlich durch die Strassen zieht. Von einem Fischer, der heimlich wieder seine Netze spannt. Vom Jungen, der seine Geschwister mit Brot versorgt. Und von den Patienten einer Klinik, die ein Laientheater proben.

Namenlose Protagonisten aus dem Kriegsgebiet prägen das Puzzle, dessen Teile der Gianfranco Rosi (Sacro GRA) in seiner Doku zusammenträgt. Ein eindrückliches und spannendes Ergebnis dreijähriger Recherche, bei der Festival-Darling Rosi zuerst aus der Ferne das grosse Ganze dokumentiert und einzelne Protagonisten erst gegen Ende näher heranholt.

Der mehrfach preisgekrönte Dok-Filmer Gianfranco Rosi will nach Fuocoammare das Ursprungsgebiet der in seinem letzten Film geschilderten Krise näherbringen. Im mit dem goldenen Bären der Berlinale ausgezeichneten Film waren die Flüchtlinge Gestalten, die in Wärmefolie gepackt die Geschichte eines aufgeweckten Jungen in Süditalien umrahmten. Nun ging Rosi für drei Jahre dahin, woher sie sich auf die Flucht begaben.

Rosi bleibt dabei der quintessenzielle stille Beobachter. In seinen statischen Aufnahmen lässt er den Kontext bewusst vage. Wo genau man sich gerade befindet, ist meist nicht klar. Der Verdacht, gewisse Bilder nur wegen der visuellen Attraktivität gedreht zu haben, besteht. Zum Beispiel die orange gekleideten Häftlinge in Einer-Reihe. Oder brennende Ölquellen in der Nacht. Prächtige Bilder, die man memoriert, ohne sie eingeordnet zu bekommen. Zum Beispiel durch ein Voice-over.

Aber so ist Rosis Methode. Lieber lässt er Kinder sprechen. In Notturno sind es vom Krieg traumatisierte. Das Grauen ihrer Zeichnungen an der Wand ist offensichtlich: sich ähnelnde Bilder der schlimmsten Gemetzel durch IS-Mörder, egal welches Kind die Farbstifte in der Hand hatte. Der stotternde kleine Mann, der sie minutenlang kommentiert, macht den grössten Eindruck in einem sowieso prägnanten Dokumentarfilm.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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