Nomadland (2020)

Nomadland (2020)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: Van Sweet Home

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Felsenfeste Frisur
Felsenfeste Frisur © Courtesy of TIFF

Nach dem wirtschaftlichen Kollaps ihres Arbeitgebers in der Firmenstadt Empire, Nevada, lässt Fern (Frances McDormand) das gewöhnliche Zivilleben hinter sich. Die verwitwete Frau macht sich mit ihrem Van auf und davon und reist als moderne Nomadin durch das weitflächige Wüstengebiet des amerikanischen Westens. Wo auch immer möglich, nimmt sie Teilzeit-Jobs an und wird unter anderem in einem Lager des grossen Konzerns Amazon fündig. Obwohl das Arbeitsamt ihr zur Frühpensionierung rät, kommt dies für sie nicht in Frage. Einerseits wäre die Rente nicht ausreichend für sie, um über die Runden zu kommen, und andererseits fühlt sie sich noch genug fit und ist gewollt, zu arbeiten.

Auf ihrer Reise trifft sie mehrere Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie sie, und mit Linda und Swankie schliesst sie enge Freundschaften. Linda überredet sie zudem, Bob Wells' Nomadenkommune RTR (Rubber Tramp Rendezvous) zu besuchen. Gemeinsam werden dort Grillfeste veranstaltet, Gespräche am Lagerfeuer geführt und Flohmärkte oder Tauschbörsen organisiert. In der Kommune lernt Fern auch den hilfsbereiten Dave (David Straithharn) kennen, mit dem sie sich auf Anhieb gut versteht.

Chloé Zhaos neues Werk Nomadland ist ein wunderschön inszeniertes, feinfühliges Roadmovie mit dokumentarischem Charakter. Sie wirft einen kritischen Blick auf das ökonomische und das soziale System der USA und verschafft den tiefen Schichten der Gesellschaft ein Gehör. Frances McDormand ist die ideale Besetzung für die Hauptfigur und spielt einmal mehr überragend. Wie bereits in ihrem Vorgängerfilm The Rider nimmt sich Chloé Zhao für ihre Erzählung die nötige Zeit, um die prächtigen Panoramabilder der unberührten, weitflächigen Wüstenlandschaft im Westen Amerikas wirken zu lassen.

Nomadland basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jessica Bruder, und einige der Figuren, die in dem Buch vorkommen, erscheinen auch als Darsteller in Chloé Zhaos Film. Weil sie sich selbst spielen und sehr persönliche Geschichten aus ihrem Leben erzählen, verschafft dies dem Film eine ungemein hohe Authentizität und dokumentarischen Charakter. Es wirkt berührend, wenn diese Menschen erklären, welches Schicksal sie getroffen hat und was sie dazu bewegte, ein Leben als moderne Nomaden zu führen. Viele von ihnen wurden von der wirtschaftlichen Krise 2008 getroffen und haben ihre Jobs sowie ihre Häuser verloren. Sie haben zuvor ein gewöhnliches zivilisiertes Leben geführt, und es schockiert, wie ihnen dieses schlagartig entrissen wurde. Damit zeigt Zhao auch kritisch auf, welche Missstände in der Wirtschaft, dem Immobilienmarkt oder dem sozialen System der USA vorherrschten

Mit ihrer natürlichen, besonnenen und bescheidenen Art ist Frances McDormand die ideale Besetzung für die Hauptrolle dieses Roadmovies. Sie agiert bestens als Bindeglied zwischen der fiktiven Erzählung und den realen Tatsachen, welche viele der anderen Figuren mitbringen. Zuweilen wirkt es fast, als führe sie mit den Menschen ein Interview, wenn sie auf sehr persönlicher, emotionaler Ebene tiefgründig auf deren Geschichten eingeht.

Doch auch Ferns eigene fiktive Vorgeschichte ist ein Exempel dafür, wie es vielen Menschen nach der Wirtschaftskrise erging. Um sich über Wasser zu halten, jobbt sie in einem Lager des Riesenkonzerns Amazon. Massenabfertigung par excellence. Es ist der ultimative Gegensatz zum Leben, welches sie nun als Nomadin führt.

Ein Leben im Van ist natürlich in vielerlei Hinsicht unkomfortabel und auch riskant, aber es werden keineswegs nur die negativen Seiten des Nomadismus dargestellt. Die gemeinsame Zeit, die sie mit anderen Nomaden am Lagerfeuer oder beim Grillieren verbringt, ist durchaus schön, und die Hilfsbereitschaft untereinander ist bemerkenswert.

Und der Wert der Freiheit bekommt im Nomadenleben eine besonders grosse Bedeutung. Die unberührten weitflächigen Wüstenregionen im Westen Amerikas sind sinnbildlich dafür. Sie werden in wahnsinnig schönen Panoramabildern dargestellt, und bei Sonnenaufgängen oder Sonnenuntergängen erweckt es beinahe den Eindruck, als stammten die Aufnahmen von einem anderen Planeten.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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