Nocturne (2020/II)

Nocturne (2020/II)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Auf Teufel komm raus berühmt werden

2. OutNow Film Festival 2021
Aber nachher ein Happy Birthday lang Hände waschen, bitte.
Aber nachher ein Happy Birthday lang Hände waschen, bitte. © Amazon Prime Video

Die 16-jährigen Zwillinge Juliet (Sidney Sweeney) und Vivian (Madison Iseman) spielen seit früher Kindheit Klavier und besuchen das letzte Jahr einer Prestige-Musikschule. Während Vivian bereits von der rennomierten Julliard-Schule aufgenommen wurde, harzt es bei ihrer Schwester noch ein bisschen. Juliet ist aber verbissen, den gleichen Erfolg wie ihre Schwester zu erreichen, und sie opfert dafür jegliche Freizeit.

Als Juliet das Notizbuch einer Schülerin findet, die Selbstmord beging, ist sie wie besessen von den darin enthaltenen Zeichnungen. Sie beginnt sich zu verändern und ihre Ambitionen werden immer extremer. Bald bemerken Viviane und die anderen Mitschülerinnen und Mitschüler, dass hier etwas nicht stimmen kann. Kann es sein, dass die Zeichnungen eine übernatürliche Macht hervorgerufen haben?

Mit seinem tollen Setting, dem abwechslungsreichen Soundtrack und den starken Hauptdarstellerinnen hätte sich Nocturne durchaus auch auf der grossen Leinwand ganz gut gemacht. Der Handlungsort der Prestige-Musikschule, wo Musik aus allen Gängen dröhnt, wirkt frisch. Plot und Themen wurden gerade im Thrillergenre jedoch schon oft durchgekaut, so dass der Film in dieser Hinsicht wenig Neues bieten kann. Die Mischung aus Black Swan und Sonata sorgt aber gerade für Musikfreunde trotzdem für spannende Streamingunterhaltung.

Mit «Welcome to the Blumhouse» hat das auf Horror spezialisierte Studio eine Reihe von Filmen exklusiv für Streaming-Gigant Amazon prime produziert. Darunter auch Nocturne. Der Debutfilm von Regisseurin Zu Quirke ist eher psychologischer Thriller als Horrorschocker, und gerade diese Zurückhaltung bei den Gruselmomenten und dem übernatürlichen Hokuspokus lässt ihn ein wenig aus der Reihe tanzen. Bei der Geschichte folgt man hingegen dem bekannten Strickmuster, und Überraschungen werden kaum geboten.

Gerade weil die Story vorhersehbar abläuft, ist es umso wichtiger, dass der Film in anderen Bereichen punkten kann. Er hat mit den beiden Schauspielerinnen Sydney Sweeney (Euphoria) und Madison Iseman (Annabelle Comes Home) zwei talentierte Newcomerinnen. Die grösste Last muss Sweeney tragen, die die Wandlung vom Mauerblümchen zur von Ehrgeiz (oder dem Teufel?) getriebenen «Bestie» glaubwürdig und beängstigend darstellt. Schade nur, wird die Geschwisterbeziehung in der Anfangsphase etwas wenig genau unter die Lupe genommen, was der knackigen Laufzeit zu verschulden ist.

Da sich Nocturne komplett in der hochkarätigen Musikschule und darum herum abspielt, ist das Thema Musik gegebenerweise omnipräsent. Nebst viel toller Klassik ist auch EDM-Künstlerin Gazelle Twins immer wieder effektiv auf dem Soundtrack vertreten. So entsteht ein spannender Klangteppichmix. Das Interesse junger Menschen an klassischer Musik ginge zurück, heisst es in einer der thematisch interessantesten Szenen. Vielleicht kann ein solcher Film dieser Entwicklung ein klein wenig entgegenwirken, was ein erfreulicher Nebeneffekt dieses gut gespielten Thrillers wäre.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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