The New Mutants (2020)

The New Mutants (2020)

New Mutants
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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Superhelden, voll durchgeknallt

Der Breakdance-Wettbewerb nahm eine böse Wende ...
Der Breakdance-Wettbewerb nahm eine böse Wende ... © 20th Century Studios

Teenager Dani Moonstar (Blu Hunt) wird eines Nachts unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ihr Vater befiehlt ihr, sofort das Haus zu verlassen und in den Wald zu rennen. Draussen hallt ein lautes Geräusch durch das Indianerreservat. Dani rennt los, stürzt jedoch auf der Flucht und stösst sich den Kopf. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, liegt sie auf der Krankenstation einer seltsamen Einrichtung. Wie ihr Dr. Reyes (Alicia Braga) erklärt, sind alle ihre Angehörige bei einem Tornado umgekommen und sie wurde in eine Institution gebracht, in der junge Mutanten lernen sollen, ihre Kräfte zu kontrollieren.

Girl (and Dragon), interrupted
Girl (and Dragon), interrupted © 20th Century Studios

Vier weitere Teens befinden sich an diesem seltsamen Ort, der durch ein undurchdringliches Kraftfeld von der Aussenwelt abgeschnitten ist: die Schottin Rahne Sinclair (Maisie Williams), der stinkreiche Brasilianer Roberto da Costa (Henry Zaga), die durchgeknallte Illyana Rasputin (Anya Taylor-Joy) und der aus Kentucky stammende Sam Guthrie (Charlie Heaton). Sie alle sind traumatisiert durch Erlebnisse in ihrer Vergangenheit und hadern mit ihren Kräften. Durch Therapie sollen sie lernen, ihre Fähigkeiten zu kontrollieren. Doch plötzlich passieren seltsame Dinge, welche die Jugendlichen zunehmend an ihrem Verstand zweifeln lassen.

Der letzte Eintrag ins Fox-X-Men-Universum weicht ab von der bombastischen Science-Fiction-Endloserzählung der bisherigen Superheldenfilmreihe und erzählt als Einzelfilm stattdessen eine fast schon intime Gruselgeschichte. Gefangen in einem beinahe kammerspielartigen Albtraum-Szenario, entwickeln die sympathisch aufspielenden Jungdarsteller schnell eine spannende, wenn auch recht vorhersehbare Dynamik. Als Horrorfilm gibt der Film zwar viel zu spät Gas und ist so etwas brav geraten. Als psychologischer Thriller ist der Film aber durchaus effektiv und weiss nicht zuletzt dank zahlreicher Hinweise für Comic-Fans zu überzeugen.

Als der inzwischen dreizehnte X-Men-Film gedreht wurde, hätte wahrscheinlich noch niemand ahnen können, dass es der letzte sein sollte, den die Fans im Kino zu sehen bekommen würden. Bereits im Jahr 2017 abgedreht, wurde der Film mehrfach verschoben - unter anderem, weil man ausführliche Nachdrehs geplant hatte, um dem Film noch etwas mehr Richtung Horror zu pushen, was jedoch irgendwann nicht mehr möglich war, weil die Darsteller schlicht zu alt geworden waren. Zwischenzeitlich wurde Josh Boones (The Fault in Our Stars) Versuch eines Superheldenhorrorfilms von X-Men: Dark Phoenix überholt und drohte beim Merger von 20th Century Fox mit Disney sogar ganz zu versanden.

Inhaltlich bringt The New Mutants mit der Demon Bear Saga von Autor Chris Claremont and Zeichner Bill Sienkiewicz eine der beliebtesten Storylines der Achtzigerjahre auf die Leinwand, versetzt diese allerdings vom Schulsetting der X-Men in eine seltsame Anstalt. Zeichneten sich die bisherigen X-Men-Filme durch grosse Casts und imposante Kampfsequenzen aus, setzte Boone hier auf eine völlig gegensätzliche Umsetzung: Mit einem Minimalcast in wenigen Räumlichkeiten und ohne klassische Kampfsequenzen zwischen guten und bösen Mutanten könnte der Film fast schon als Budget-Variante eines Superheldenfilmes gelten. Weil diese erzählerische wie inszenatorische Schlichtheit aber die Story und die Figurenentwicklung unterstützt, ist weniger hier durchaus mehr.

Freilich sind einige Aspekte weniger clever umgesetzt. Die digitalen Einblendungen beispielsweise wirken eher wie plumpe Erklärmomente, die etwas quer in der Erzählung stehen, und die verschiedenen Akzente der Darsteller (Schottisch, Russisch und Südstaatler) sind alles andere als konsistent. Auch als Horrorfilm ist der Film etwas gar brav geraten; das Ganze braucht schlicht zu lange, um richtig anzulaufen und ist dehalb - bis auf die Enthüllung der Person hinter der Anstalt - leider recht vorhersehbar. Erst im Finale zieht der Gruselfaktor, vor allem durch die Smiling Men, deutlich an, erreicht aber nie ein solches Level, um das Label «Horrorfilm» wirklich zu verdienen.

Die Stärken von The New Mutants liegen ohnehin anderswo. Die Jungdarsteller können mit relativ wenig Material interessante Beziehungsgeflechte aufspannen und die Ängste der Figuren glaubhaft umsetzen. So ist der Film eher ein Psychothriller mit Gruselkomponente und einem bombastischem Finale. Eine Anbindung an die anderen X-Men-Filme gibt es ohnehin nicht, oder nur indirekt: Geübte Augen werden indirekte Anknüpfungspunkte an X-Men: Apocalypse und Logan erkennen. Fans der Comics erwartet zudem eine ganze Reihe von richtig coolen Anspielungen, die jedoch für reine Filmzuschauer selten wie offensichtlicher Fanservice wirken.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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