Never Rarely Sometimes Always (2020)

Never Rarely Sometimes Always (2020)

Niemals Selten Manchmal Immer
  1. ,
  2. 101 Minuten

Filmkritik: Escape to New York

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
The Eye of the Sklyar
The Eye of the Sklyar © 2019 Courtesy of Focus Features

Die 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan) lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Städtchen im Bundesstaat Pennsylvania. Mit dem eigenen Vater pflegt sie ein schwieriges Verhältnis, und die miese Laune, die Autumn des Öfteren zeigt, hilft da ebenfalls nicht. Dabei macht der Teenager gerade eine äusserst schwere Zeit durch. Denn sie ist seit wenigen Monaten schwanger, kann dies jedoch niemanden sagen. Da sie das Kind auf keinen Fall behalten möchte und sie nicht das Gefühl vermittelt bekommt, dass die Ärzte ihr helfen wollen, soll die Abtreibung in New York durchgeführt werden.

"Sind wir schon da? "Sind wir schon da?"
"Sind wir schon da? "Sind wir schon da?" © 2019 Courtesy of Focus Features

Zusammen mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) setzt sich Autumn - ohne ihren Eltern etwas zu sagen - in den Bus und fährt in die Metropole. Mit Geld, das die beiden Teenager bei ihrem Kassiererinnenjob geklaut haben, soll alles wieder geradegebogen werden. Doch es läuft lange nicht alles nach Plan.

Eliza Hittmans Abtreibungsdrama Never Rarely Sometimes Always gefällt durch seine Feinfühligkeit und die überzeugende Hauptfigur, über die die Zuschauer erst später einiges lernen, jedoch trotzdem schon sehr früh mit ihr mitbangen. Es ist ein sehr ruhiger Film ohne grosse Gefühlsausbrüche, aber die kleinen, fast versteckten treffen direkt ins Herz. Eine kleine Filmperle.

Das Thema Abtreibung ist in den USA heiss diskutiert. Im Senat wird regelmässig gestritten, und vor Abtreibungskliniken gibt es des Öfteren Proteste von sogenannten Pro-Life-Gruppierungen. Weil die Gesetze für Abtreibungen von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden sind, kommt es immer wieder vor, dass Hilfesuchende Tausende von Kilometer reisen müssen, um die gewünschte Behandlung zu bekommen. Wie hier Menschen Steine in den Weg gelegt werden, ist erschreckend und soll in erster Linie natürlich davon abhalten, eine Abtreibung überhaupt in Betracht zu ziehen. Doch jetzt gibt es mit Never Rarely Sometimes Always einen Film, der wieder etwas Hoffnung zurück in die (US-)Welt bringt.

Der neue Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Eliza Hittman (Beach Rats) geht dabei sehr behutsam und realistisch mit den Themen und vor allen auch mit den Protagonistinnen um. Hier wird nicht über 100 Minuten debattiert, sondern die Figuren fallen eher durch ihr Schweigen auf. Autumn und ihre Cousine Skylar schauen ohnehin lieber auf ihre Smartphones, anstatt sich zu unterhalten - so realistisch und ehrlich wurden noch selten jungen Erwachsene gezeigt.

Trotzdem fällt es den Zuschauern dabei leicht, sich in die junge Autumn einzufühlen - selbst, wenn die Hintergründe ihrer Situation nur sehr langsam an die Oberfläche kommen. Am klarsten werden diese in der Mitte des Filmes in Form eines Fragebogens präsentiert, auf den auch der Filmtitel Bezug nimmt. So niederschmetternd diese Szene auch ist, sie beinhaltet dennoch jede Menge Hoffnung. Denn auch wenn Autumn viel auf sich nehmen musste, ist sie in dieser Szene an einem Ort angelangt, an dem man ihr ehrlich und mit viel Mitgefühl helfen möchte. Sie scheint nicht mehr alleine zu sein. Wer hier nicht mit den Tränen kämpft, sollte einen Arzt aufsuchen.

Dank den eher still leidenden und mitfühlenden Figuren umschifft Never Rarely Sometimes Always dabei auch einige Klischees. Nur mit einem Jungen, den Autumn auf der Reise nach New York kennenlernt, gerät der Film auf ausgelatschte Pfade. Dass dieser Bursche später wieder ins Spiel kommt, ist ziemlich offensichtlich, und so ziehen sich die Szenen mit ihm dann auch recht in die Länge. Doch mag man das diesem sonst so berührenden und von den Hauptdarstellerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder so toll gespielten Werk verzeihen. Never Rarely Sometimes Always ist ein wunderschöner Hoffnungsschimmer.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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