Das neue Evangelium (2020)

Das neue Evangelium (2020)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Der neue Jesus ist da!

56. Solothurner Filmtage 2021
Lastwagen
Lastwagen © Vinca Film

Wie würde Jesus heute aussehen? Regisseur Milo Rau möchte am Drehort von Il vangelo secondo Matteo und The Passion of the Christ seinen eigenen Jesusfilm realisieren. Dafür hat er sowohl den Jesus-Darsteller aus Pier Paolo Pasolinis Film für eine Nebenrolle, als auch die Maria aus Mel Gibsons Drama gewinnen können. Für die restlichen Rollen möchte sich der kontroverse Dramaturg vor Ort weiter umschauen, damit seine Verfilmung einen Bezug zur aktuellen Realität im Dorf hat. Für die Hauptrolle wird er mit Yvan Sagnet fündig. Der politische Aktivist setzt sich für ausgebeutete Feldarbeiter in Italien ein.

Last tragen
Last tragen © Vinca Film

Die Arbeitsbedingungen der zum grössten Teil aus Nordafrika stammenden Tomaten- und Orangenpflücker sind fürchterlich und gehen durchaus als moderne Sklaverei durch. Mit knapp 30 Euro am Tag und ohne Papiere sind die Immigranten dazu gezwungen, in selbstgebauten oder besetzten Baracken zu wohnen. Diese sollen aber von der Regierung abgerissen werden, und sie zu einem Leben auf der Strasse zwingen, falls sie nicht in einem anderen Ort eine Bleibe finden. Milo Rau begleitet ihre Proteste und findet dabei viele neue Gesichter für sein Jesus-Projekt.

Der Dokupart dieses besonderen Projektes ist ein informativer und erschreckender Blick auf die Aubeutung der Landwirtschaftsarbeiter in Italien. Yvan Sagnet hat grosses Charisma und es ist hochspannend, seinen Freiheitskampf zu begleiten. Die Vermischung mit der Jesusgeschichte ist es aber, welche die Geduld auf die Probe stellt und den Film in die Länge zieht. Dabei rückt auch der Regisseur selbst in den Vordergrund und macht klar, dass es hier auch im Kunst geht. In diesen Momenten verfällt der Film seiner Selbstverliebtheit. Obwohl er auf ein wichtiges Thema aufmerksam macht, kann er dies anscheinend nicht ohne diesen künstlerischen Anspruch.

Es ist schnell nachvollziehbar, dass sich sowohl Pier Paolo Pasolini als auch Mel Gibson für ihre jeweilige Inszenierung der Jesusgeschichte das italienische Städchen Matera aussuchten. Im Dorfkern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die sich nach oben schlängelnden Gassen, das Meer und die Anhöhe sind perfekte Locations.

Die Frage, wie ein solcher Film heute mit Bewohnern der Umgebung gecastet werden würde, ist eine interessante Idee, die Regisseur Milo Rau schliesslich mitten in den Klassenkampf führt. Dennoch ist ein gewisses Bibelwissen von Vorteil, wenn man die Verknüpfung etwas besser verstehen möchte. Die insenierten Szenen mit Jesus verschmelzen gegen Ende mit den Protestaktionen, aber die sonstigen Zusammenhänge zwischen den beiden Narrativen sind schwammig.

Seine Höhepunkte hat der Film also dann, wenn er sich mit den Arbeitern beschäftigt und die schrecklichen Bedingungen aufdeckt, die diesen Menschen das Recht auf so vieles verwehren. Das Schicksal dieser Menschen bleibt in der Erinnerung haften, wenn man das nächste Mal im Grosshandel vor den Tomaten oder Orangen steht. Das Zerschmettern von Tomatensaucengläsern in Supermärkten ist eine gelungene Verbildlichung der Problematik.

Während der kämpferische Sagnet, der den Menschen helfen möchte, ganz klar im Mittelpunkt steht, kommen auch einige der Betroffenen zu Wort. Ihre haarsträubenden Lebensgeschichten gehen nahe und zeigen, wie wichtig Menschenrechte und der Kampf dafür sind. Das ganze Jesus-Element riecht nach Selbstverwirklichung, und den Aufwand dieser Szene hätte man vielleicht lieber in die Bekämpfung des Problemes gesteckt.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:56