The Nest (2020)

The Nest (2020)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Der amerikanische Traum des britischen Gentleman

16. Zurich Film Festival 2020
Rückendeckung oder Hinterhalt?
Rückendeckung oder Hinterhalt? © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

In den Achtzigerjahren lässt Rory O'Hara (Jude Law) das amerikanische Vorstadtleben hinter sich und zieht mit seiner Ehefrau Alison (Carrie Coon) und den beiden Kindern zurück ins Vereinigte Königreich, wo er geboren ist. Weil es bereits der vierte Umzug innerhalb der letzten zehn Jahre ist, hat Alison dabei ihre Bedenken. Doch Rory ist fest davon überzeugt, dass das Jobangebot, welches er von seinem ehemaligen Arbeitgeber erhalten hat, ihm und seiner Familie vielversprechende finanzielle Möglichkeiten bietet. Der Rohstoffhändler hat grosse Ambitionen und ist in seiner Denkweise stark geprägt vom American Dream.

Im neuen zu Hause angekommen, sind Alison und die beiden Kinder überwältigt. Voller Stolz und Enthusiasmus führt Rory sie durch die riesige Villa hinaus in den weitflächigen Garten. Für Reitlehrerin Alison ist der Platz optimal, um ihrem Training und der Pferdedressur nachzugehen. Doch bereits in den ersten Tagen geschehen am neuen Wohnort merkwürdige Dinge, welche bei Alison wieder Zweifel aufkommen lassen. Zudem bekommt sie den Eindruck, dass Rory Geheimnisse verbirgt und ihr nicht immer die Wahrheit erzählt.

In seinen intensivsten Momenten erreicht Sean Durkins Psychodrama The Nest den Nervenkitzel von grossen Horror-Klassikern wie The Shining, The Omen oder Rosemary's Baby. Der zweite Spielfilm des kanadischen Regisseurs begeistert mit einem clever geschriebenen Drehbuch, einer ruhigen, aber furchterregenden Atmosphäre und sorgfältigem Spannungsaufbau. Jude Law präsentiert sich in seiner anspruchsvollen Rolle gewohnt stilsicher und ist die optimale Besetzung dieser komplexen, mysteriösen Hauptfigur. An seiner Seite brilliert Carrie Coon als skeptische, verzweifelte und leidtragende Frau.

Dass Sean Durkin diverse Horrorfilme und Thriller aus den Sechziger-, Siebziger und Achtzigerjahren zu seinen Favoriten zählt, überrascht nicht. Sowohl sein erster Spielfilm Martha Marcy May Marlene als auch sein neues Werk The Nest lassen die Inspiration von diesen Klassikern durchschimmern. Auf ruhige und behutsame Weise wird in The Nest eine unbehagliche und furchteinflössende Stimmung kreiert, die jederzeit zu eskalieren droht. Die Bilder sind kühl und düster, die Kamera ist stets in Bewegung, jedoch langsam und vorsichtig, als würde sie die Perspektive einer schleichend herannahenden Bedrohung repräsentieren. Und der Schauplatz der riesigen alten und dunklen Villa in einer verlassenen Gegend ist ideal für die beängstigende Atmosphäre, welche der Film vermittelt.

Auch aus narrativer Sicht überzeugt The Nest als spannendes und clever erzähltes Psychodrama. In diversen Szenen wird das Publikum mit spannungsgeladenen Momenten geködert, um anschliessend eine unerwartete Wendung zu nehmen. Die Dialoge, insbesondere jene zwischen Rory und Alison, sind grossartig geschrieben und enthalten zudem eine gute Prise Humor, welche die sonst angespannte Stimmung im richtigen Masse auflockern. Ebenfalls gut aufgegriffen wird die wirtschaftliche Lage zu Beginn der Achtzigerjahre, in welchen sich die Erzählung zuträgt. Rorys modernes, globales wirtschaftliche Denken - stark beeinflusst vom American Dream - wird dabei der traditionellen, lokal verankerten Denkweise in England gegenübergestellt.

Mit Jude Law und Carrie Coon sind die anspruchsvollen zentralen Rollen in The Nest sensationell besetzt und beide Schauspieler bringen die nötige Erfahrung aus Filmen oder TV-Serien dieses Genres mit. Für die Darstellung des Rory ruft Jude Law sein gesamtes Potenzial ab. Er ist schlichtweg phänomenal als leidenschaftlicher, charismatischer Unternehmer mit starker Überzeugungskraft. Im Verlaufe des Films macht er einen bemerkenswerten Wandel durch, wobei Rory immer geheimnisvoller und suspekter erscheint. Carrie Coon spielt ihren Part ebenfalls grandios, indem sie ihre Alison kontinuierlich wachsende Gefühle der Skepsis und des Misstrauens gegenüber ihrem Ehemann vermitteln lässt.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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