Nemesis (2020/III)

Nemesis (2020/III)

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  2. 131 Minuten

Filmkritik: Das Fenster zum Bahnhof

Baggerballett
Baggerballett © Frenetic Films

Bis 2013 konnte man im Zürcher Quartier Aussersihl den historischen Güterbahnhof bestaunen. Der Bahnhof war nicht nur ein architektonisches Denkmal seiner Zeit, sondern erzählte auch von der kulturellen Geschichte der Stadt. Den besten Blick auf den alten Umschlagplatz hatte man von Thomas Imbachs Studio. Über mehrere Jahre dokumentierte der Schweizer Filmemacher die Bauarbeiten im Areal aus seinem Fenster. Weichen musste der Güterbahnhof der Zukunft. Unter ihm entstand die Durchmesserlinie, welche heute Oerlikon und Altstetten direkt miteinander verbindet. Über ihm das neue Polizei- und Justizzentrum. Hierauf richtet Imbach seinen Blick. Es ist ein Zentrum von Macht und Gewalt, das hier entsteht.

Protagonisten wider Willen
Protagonisten wider Willen © Frenetic Films

Die Industrialisierung der letzten 120 Jahre, die Schweizer Politik der letzten 20 Jahre und aktuelle Geschichten von Flüchtlingen werden miteinander verwoben. Jahreszeiten fliegen wie die Zugvögel über der Stadt. Selbst auf der trostlosen Baustelle ist alles in Bewegung. Zürich pulsiert unter dem Lärm der Maschinen und ist im steten Wandel. Und aus unbekannten Statisten werden plötzlich Hauptdarsteller.

Gute Dokumentarfilme sind mehr als nur eine interessante Geschichte. Sie müssen etwas aus ihrer Thematik herausholen und mit filmischen Mitteln erzählen und hinterfragen, worum es wirklich geht. Nemesis ist ein beeindruckendes Werk, das mühelos mehr als eine Stimmung gleichzeitig vermittelt. Die Baustelle wird zu einem kleinen Modell unserer Welt, in der gleichzeitig alles und nichts passiert.

«In der Schweiz waren wir alle Bauern, bis die Eisenbahn kam», erzählt Regisseur Thomas Imbach von seinen Grosseltern. Es ist ein Stück Geschichte, dass genau vor seinen Augen verschwindet. Luftaufnahmen von 1904 zeigen das dünn besiedelte Zürich mit dem neuen Zugdepot. Nemesis ist ein Film im Zeitraffer. Gut 131 Minuten braucht es, um mehrere Jahre zu komprimieren. Oder doch ein ganzes Jahrhundert? Imbach ist auf der Suche der Essenz der Stadt. Es kann nicht nur ein Gebäude sein, das hier verschwindet.

Die Bagger im Film bewegen sich wie Raubtiere, gierige Maschienenwesen die sich durch das Metall fressen, bis nicht mehr übrig ist ausser einer Sandwüste. Die Bauarbeiten geschehen im Zeitraffer, laufen rückwärts, werden verlangsamt. Dächer fallen und Nemesis erinnert an einen Stop-Motion-Film. Imbach manipuliert die Zeit, stellt Zürich zuweilen auf den Kopf. Es sind visuell beeindruckende Momente.

Auf der anderen Seite sehen wir die Menschen. Bauarbeiter schlendern über das Areal, man sieht sie beim Kaffeetrinken und Rumalbern. Sie machen alles ausser bauen, am Ende ist es nur eine weitere eingeschworene Jungsbande. Sie stehen nur auf der anderen Seite des Zauns. Zu diesem gehört auch eine Tür, die stets abgeschlossen sein muss. Zu bewachen gibt es auf der Baustelle jahrelang nichts. Die Kamera entlarvt und deckt auf, sie ist alles, nur keine stille Beobachterin. Die Perspektive macht aus den Zügen und Lastern eine Spielzeugwelt. Die Sandtransporter werden zu Akteuren einer Screwballkomödie, wenn sie sich zu schnell zur Musik bewegen. Die verspielte Inszenierung lockert die ernste Thematik immer wieder auf.

Der Blick in die Vergangenheit geht für Imbach so weit, dass er sich sogar Sorgen um die Geister macht, die in den Sedimenten des Sihldeltas schlummern. Neben seinen persönlichen Geschichten und dem des Quartiers bietet Nemesis Erlebnisberichte von Flüchtlingen. Schreckliche Schilderungen wie die aus einem libyschen Gefängnis werden von Milan Peschel mit der gleichen persönlichen und hinterfragenden Stimmung dargestellt wie in der Rolle des Erzählers. Die Schicksale fügen sich mühelos in den Film ein und drehen sich ebenfalls um trostlose Orte. Dazu gesellen sich beeindruckende Bild-Ton-Scheren, wenn wir vom Leid der Flucht hören und dabei sehen, wie jemand ganz entspannt neben der Baustelle chillt.

Imbach fragt nach dem Sinn des neuen Gefängnis, hinterfragt die Einstellung der Menschen und erinnert an grosse Abstimmungswahlkämpfe einer Schweizer Partei. Eine ausländerfeindliche Mobilisierung, die die politische Landschaft nachhaltig geprägt hat. Selbst unsere Bauarbeiter müssen sich nach einer Sabotage der Baustelle einem DNA-Test unterziehen, jeder ist verdächtig. Im vierten Jahr gibt es immer noch mehr Tiere als Gebäude auf dem Areal. Der Schnee fällt rückwärts und erinnert eher an Asche, ein abgemagerter Fuchs schleicht an der Kameralinse vorbei. Die Unterschiede und Widersprüche machen Nemesis zu einem abwechslungsreichen Film, überall gibt es etwas zu entdecken.

Am Ende geht alles dann ganz schnell. Die richtigen Bauarbeiter erscheinen, sie wirken grober und archaischer als ihre Vorgänger. Kein Street Food Festival, sondern Statiken und Stromkreise stehen im Vordergrund. Imbachs Interesse an einzelnen Personen bleibt trotzdem erhalten. Kleine Geschichten über Glaceverkäuferinnen und Unfälle bleiben. Immer wieder lässt uns der Erzähler mit den Bildern allein. Mit der Zeit gewöhnt man sich an den voyeuristischen Blick, denkt über die Geschichten und Zusammenhänge nach und fragt sich, was Imbach als nächstes mit Zeit und Raum anstellt. Nemesis ist nicht nur ein einzigartiges Stück Geschichte, sondern auch ein beeindruckender Film.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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