My Favorite War (2020)

My Favorite War (2020)

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  2. 80 Minuten

Filmkritik: Für Frieden und Sozialismus - seid bereit!

18. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2020
Happy Family
Happy Family © Ilze Burkovska Jacobsen

Ilze Burkovska Jacobsen wächst in einem Lettland auf, welches zur streng kommunistisch regierten Sowjetunion gehört. Anfangs bekommt sie davon nur wenig mit, erlebt sie doch mit ihrer Familie und den Grosseltern eine unbekümmerte Kindheit auf dem Lande. Nachrichten von den Unruhen und schwierigen politischen Situationen erhält sie nach und nach durch Radio und Fernsehen. So wird der Krieg allgegenwärtig, Lettland langsam von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges eingeholt, und bald schon stehen die nächsten Unruhen an, politisch wie auch bei Ilze persönlich. Vom Land muss sie in die Stadt ziehen, verliert ihren Vater und ihre heile Welt bricht in sich zusammen. Dass ihr Grossvater von der UdSSR zum Staatsfeind deklariert wurde, während ihr Vater stolzer Partei-Genosse war, erschliesst sich Ilze kaum.

Stolze Kommunistin?
Stolze Kommunistin? © Ilze Burkovska Jacobsen

Ihr Image des mächtigen, fürsorglichen Kommunismus beginnt zu bröckeln, wenn auch sie noch immer den Wunsch hegt, Journalistin zu werden, was Publikationen und somit Parteiarbeit voraussetzt. Langsam hegen sich in Ilze Zweifel, wie vertrauenswürdig dieser Staatsapparat wirklich ist und ob nicht tiefe, schmutzige Geheimnisse vertuscht werden. Ilze sucht ihren Platz im politischen System und sich selbst.

My Favorite War zeigt das Leben in Lettland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei gelingt es der Regisseurin, den Zwiespalt zwischen der Erleichterung über die überstandenen Kriege und den aufflammenden Unruhen des Kalten Krieges sowie der politischen Unterdrückung im eigenen Land aufzuzeigen. Die schön animierten Hintergründe mit den leidenden Charakteren im Vordergrund sind gut gelungen und wecken Emotionen. Es ist definitiv kein Kinderfilm, zu fürchterlich muten die Ereignisse an. Der stilistische Mix passt in einigen Sequenzen gut zusammen, wirkt in anderen jedoch etwas gar wild und holprig.

My Favorite War ist die autobiographische Aufarbeitung von Kindheit und Jugend von Ilze Burkovska Jacobsen, die in Lettland aufgewachsen ist. Sie setzt sich dabei nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte, sondern auch mit derjenigen der baltischen Staaten zwischen dem Zweiten Weltkrieg und deren Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion auseinander. Sie wuchs auf in jener Zeit auf, in welcher der Kalte Krieg und die russische Besetzung das Leben und die Entwicklung in Lettland prägten.

Es ist ein tristes Leben, zwischen leeren Versprechen von einem autoritären Staat, mit heftigen Sanktionen für all jene, welche sich dem Staat nicht gänzlich unterordnen. Dies widerspiegelt auch My Favorite War: Die niederschmetternde Story beginnt mit einem eigentlich glücklichen Familienmoment. Eigentlich, weil bereits hier sichtbar wird, welche Kontrollmacht der Staat über die Menschen verfügt. Das Betreten des Strandes ist wegen Fluchtgefahr strengstens verboten, die Landstriche sind militärisch abgeriegelt und werden streng kontrolliert. So kommt es, dass Burkovska Jacobsen zwar in unmittelbarer Nähe zum Meer gelebt hat, dieses aber erst im Alter von drei Jahren - illegal - das erste Mal sehen konnte.

Die Aufarbeitung beginnt im Kleinkindalter und endet mit der Jugend. Gezeigt wird, wie sich Burkovska Jacobsen im kommunistischen Staat zurechtfinden, ihre heile, kleine Welt auf dem Land verlassen und in eine neue, urbane und diktierte Welt eingewöhnen musste. Von der Farm auf dem Land, einer unbekümmerten Kindheit, in die laute, stickige Stadt, in welcher Lebensmittel rationiert sind und die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges die Menschen beinahe täglich einholt.

Dabei wechselt die Farbe der Bilder, von den grünen Wiesen geht es ins kalte, triste Grau der Stadt. Mit Hilfe von Rückblenden wird die Vergangenheit thematisiert, der Clinch zwischen Nazi-Deutschland und Russland, welcher sich geographisch bei der Protagonistin jeden Tag vor der Türe abspielte, fungierte Lettland doch als westlichste Grenze zwischen Sowjetunion und Deutschland.

Als Animationsstil von My Favorite War wurden Techniken gewählt, welche teilweise Collage-artig miteinander verschmelzen: der zweidimmensionale Legetrick mit realen Aufnahmen und zeitgeschichtlichen Dokumenten, welche nicht animiert sind und beispielsweise in der animierten Geschichte im TV laufen. Aber auch Aufnahmen aus der Gegenwart wurden eingefügt. Dies funktioniert ganz gut, sorgt aber für einen hohen Kontrast.

Der Grundtenor der Geschichte ist traurig und schrecklich, was den geschichtlichen Hintergründen geschuldet ist. Authentisch wird vermittelt, wie sich Burkovska Jacobsen gefühlt haben muss zwischen den ihr noch unverständlichen politischen Machenschaften. Kann man dem System trauen? Oder verbirgt es Leichen in seinem Keller, welche verschwiegen werden? Diesen Spagat aus Regimekritik und naivem Glaubem an das Gute meistert der Film bewundernswert. Leichte Kost ist der Film sicherlich nicht. Weil er eine grosse Zeitspanne aufarbeitet, fehlt ihm aber leider die Fähigkeit, stärker in die Tiefe gehen zu können.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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