Moskau einfach! (2020)

Moskau einfach! (2020)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Ficht euch alle!

Aktenzeichen XY... unrasiert
Aktenzeichen XY... unrasiert © Vinca Film

Zürich, 1989: Der pflichtbewusste Polizeibeamte Viktor Schuler (Philippe Graber) ist mit der Aufgabe betraut, subversive Gestalten zu überwachen, die nach Ansicht seines Vorgesetzten Marogg (Mike Müller) ein sozialistisches Komplott planen und deshalb ein Risiko für die Sicherheit in der Schweiz darstellen. Unter den besonders verdächtigen Zeitgenossen finden sich die Mitarbeitenden des linksalternativen Radio LoRa oder die Angestellten des Zürcher Schauspielhauses wie zum Beispiel der deutsche Regisseur Carl Heymann (Michael Maertens) oder die Schauspielerin Odile Jola (Miriam Stein).

Hündeler unter sich
Hündeler unter sich © Vinca Film

Um noch mehr über mögliche Umsturzpläne herauszufinden, schleust Marogg seinen Angestellten als Statisten in die Theatergruppe ein. Aus dem braven Polizisten Viktor Schuler wird so der unangepasste Matrose Walo Hubacher. Als verdeckter Ermittler sammelt Walo alias Viktor Hinweise auf mögliche Verschwörungen und erstattet seinem Chef Rapport. Als ihm dann die hübsche Odile immer mehr den Kopf verdreht, beginnt er darüber zu grübeln, ob er wirklich auf der richtigen Seite steht.

Micha Levinskys Filme haben meist einen simplen, aber effektiven Plot, ganz gleich, ob es um verliebte Standesbeamtinnen oder falsche Lottogewinner geht. Sein neuer Film, Moskau einfach!, ordnet sich mustergültig darin ein. Die skurrile Ausgangslage sorgt zwar für wunderbare Situationskomik, weniger gelungen ist allerdings die Auseinandersetzung mit der Schweiz zu Kalte-Krieg-Zeiten - dafür ist die Geschichte schlicht zu klischeebehaftet. So bleibt der Film trotz der immer wieder aufpoppenden Achtziger-Nostalgie leider etwas belanglos.

Eines vorneweg: Der Film von Micha Levinsky ist mehr eine romantische Feelgood-Komödie als eine minutiöse Aufarbeitung eines dunklen Kapitels in der Schweizer Geschichte. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich Moskau einfach! anschaut. Die Fichenaffäre, welche die Schweiz Ende der Achtzigerjahre erschütterte, dient hier lediglich als historisches Setting für eine gmögige Geschichte.

Die nach einem abgedrehten Drehbucheinfall klingende Plotidee soll übrigens auf wahren Tatsachen beruhen: Offenbar wurden in den Achtzigern tatsächlich verdeckte Ermittler eingesetzt, um subversive Personen zu überwachen. Der schnauzbärtige Viktor Schuler wirkt zu Beginn wie eine Mischung zwischen Stasi-Hauptmann Wiesler aus Das Leben der Anderen und Walter Roderers Nötzli. Wie sich dieser dann zum langhaarigen (Fake-)Rebell verwandelt, ist spassig anzusehen und bietet Gelegenheit für zahlreiche Pointen.

Hauptdarsteller Philippe Graber nutzt dabei seinen tapsig-treuherzigen Charme, den er vor zwölf Jahren schon als falscher Freund verbreitet hat - damals übrigens ebenfalls unter der Regie von Micha Levinsky. Mike Müller spielt mit dem Vorgesetzten Marogg eine typische Mike-Müller-Figur und Michael Maertens gibt ein ein herrlich überzeichnetes Abziehbild eines selbstgefälligen Kunstschaffenden. Miriam Stein wiederum hat als hübsches Love-Interest zwar eine eher undankbare Rolle, brilliert aber in einer Schlüsselszene des Filmes, die stark an Beresina erinnert. Wie in Daniel Schmids Klassiker von 1999 sind auch die Figuren in Moskau einfach! stark überzeichnet; sowohl die Polizisten als auch die Theaterleute funktionieren bestens als Parodie realer Vorbilder aus dieser Zeit.

Leider will der Film nicht nur Parodie bieten, sondern auch noch eine Lovestory erzählen. Dabei scheitert er glorios an seiner Einfallslosigkeit. Die zweite Filmhälfte ist derart konventionell geschrieben, dass es beinahe schmerzt. Es braucht so auch keine grosse Fantasie, sich auszumalen, welchen Lauf die Geschichte nehmen wird, und das Finale könnte direkt dem (noch zu verfassenden) Ratgeber mit dem Titel «Wie schreibe ich eine typische Mainstream-Hollywood-Romcom?» entnommen sein.

Das ist kein Weltuntergang, aber doch ein wenig bedauerlich, werden doch so die durchaus vorhandenen satirischen oder gesellschaftskritischen Ansätze im Keim erstickt. Denn mag die Fichenaffäre auch längst eine Angelegenheit für die Geschichtsbücher sein, gewisse Verhaltens- und Argumentationsmuster lassen sich auch heute, 30 Jahre später, noch immer im aktuellen politischen Diskurs ausmachen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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